1.-4. September 2026

Nun sind wir auf dem Werratal-Radweg. Der Anfang ist ergonomisch nicht so ganz überzeugend: es geht permanent rauf und wieder runter, aber dafür auf zumeist glatt asphaltierten Trassen abseits größerer Straßen. Und es gibt ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen bisher geradelten Wegen: Alle paar Kilometer gibt es einen Rastplatz mit Tischen und Bänken und dazu überdacht. Und jeder ist individuell geschmückt!!! Wer wohl dafür sorgt?





Wir kommen nach Hildburghausen. Vor über 230 Mio Jahren war das Klima hier semiarid: Überschwemmungen verursachten schlammige Böden, in denen Tiere Spuren hinterließen. In den jahreszeitlich folgenden Trockenzeiten trocknete der Schlamm und es bildeten sich Schrumpfungsrisse. Beides wurde – zu Stein geowrden – erhalten und in einem Steinbruch in der Nähe 1833 erstmals gefunden, beschrieben und benannt: Chirotherium (Hände von wilden Tieren). Man fand aber nur die Spuren, nicht das Tier selbst. Knochen sind nicht überliefert. Trotzdem gelang es, den Verursacher, das Chirotherium-Tier, zu rekonstruieren. Hier in Hildburghausen ist beides dargestellt: die Echse als Bronzeplastik und die Buntsandsteinplatte als Abguss. Das Original ist übrigens im Goldfuss-Museum in Bonn zu bestaunen!


Während der Anfang des Werratal-Radwegs eher als Feld- und Wald- denn als Flussradweg daherkommt, gefällt er mir trotzdem schon viel besser als der Maintal-Radweg. Viel naturnäher gelegt, mit immer wieder eingesprenkelten kleinen Dörfern mit den für Thüringen so typischen viereckigen Kirchtürmen und einem darauf aufgesetzten, offenen und nach oben spitz zulaufenden Zwiebelturm.





In Meiningen machen wir Pause und erleben eine interessante kulinarische Kombination: immer wieder bestellen sich Leute einen Kaffee und dazu eine Bockwurst! Statt Kaffee wahlweise auch Cappuccino! Ist das nun eine Thüringer Besonderheit oder eine Meininger? Ich probiere zwar viel aus, was ich nicht kenne, aber das lasse ich dann doch!



Über Walldorf mit seiner alten, vor wenigen Jahren nach einem Brand restaurierten Kirchburg und Wasungen, zu dessen schon seit 1524 bestehenden Karnevalstradition wir leider keinen Hinweis finden, geht es weiter, mittlerweile meist am Fluss entlang. Auch wenn man auf der Werra eigentlich paddeln kann, ist das vermutlich für den Rest des Jahres keine Option: jede Menge Bäume sind vermutlich durch die lange Trockenperiode und anschließende Stürme abgebrochen und über oder auch in den Fuß gestürzt.


Bad Salzungen mit Soleproduktion und Kurbetrieb leitet über zur Region des Kalibergbaus.


Im Bad Salzunger Stadtteil Tiefenort (eigentlich ein separates Dorf), dessen Kalibergbau eine Betriebsfussballmannschaft mit langer Zugehörigkeit zur 2. DDR-Liga hervorgebracht hatte, überrascht mit einer Radwege-Kirche aus dem 16. Jhd., in deren Langhaus mehrere Emporen-Geschosse eingezogen sind. Sie hat wohl ursprünglich auch als Wehrkirche gedient, worauf die Schießscharten im Turm schließen lassen.
Seine Kali-Berbautradition zeigt Tiefenort auch durch die Parkbank, die ikonisch in einer überdimensionalen Baggerschaufel steht.



Wir übernachten abseits unseres Weges im „Salt Hill Camp“ am Rande der Kali-Abraumhalde. Für Zelter gibt es eine kleine Küche mit E-Herd, Töpfen, Geschirr und Besteck! Dass sie auch zum Kommunikationsort wird, ist klar. Merkwürdig nur, was man so für Leute trifft: eine Frau, die erzählt, dass sie mit ihrer Freundin pilgert. Und da die Pilgerherbergen nicht zumutbar seien, fahren sie mit zwei Wohnmobilen. Morgens geht es mit beiden WoMos zum Etappenziel, mit einem wieder zurück, dann laufen sie die Etappe, fahren mit dem Ziel-WoMo zurück zum Etappenanfang, um von dort mit beiden WoMos erneut zum Ziel zu fahren. Nebenbei wird noch Hape Kerkeling kritisiert, der ja gar nicht den ganzen Camino gelaufen sei.


Ganz anderes Thema: Meine Matte hat ein Loch! Ein kleines zwar, aber ich kann immer nur eine Stunde und 20 Minuten schlafen bevor ich auf dem kalten Boden aufwache. Das kommt mir irgendwie bekannt vor, nur war damals die Ursache klar: ein Marder, der es auf meine Salami abgesehen und sich leider „verbissen“ hatte. Diesmal aber ist das Loch so klein, dass ich es nicht finden kann. Was das für den Rest der Fahrt bedeutet? Vermutlich neue Matte kaufen oder nicht mehr Zelten. Wir buchen ein Appartment in Eisenach.
Auf dem Weg dahin gibt es einen kleinen Einbruch des bisher sehr guten Eindrucks vom Werratal-Radweg: 15 km zwischen Vacha und Widdershausen fahren wir viel auf Straßen, auf denen wegen des hier vorherrschenden Kalibergbaus auch einige LKW unterwegs sind. Danach wird es aber wieder Werra-typisch ruhig.



Und noch eine Überraschung hält der Weg für uns bereit: In Untersuhl kommen wir an einer Rundkirche vorbei, deren ungewöhnliche Form wieder einmal auf einer wehrhafte Vergangenheit zurückzuführen ist. Sie fußt auf einem mächtigen Wartturm, der im MIttelalter einen Seitenast der alten Heer- und Handelsstraße Via Regia kontrollierte. Im Inneren des für eine Kirche ungewöhnlichen Bauwerks zeigen sich zwei Reihen von Porträts, die die Apostel bzw. die Propheten darstellen sollen. Tatsächlich sind die Porträtierten aber wohl Personen, die seinerzeit in Untersuhl gelebt haben.




In Eisenach besuchen wir die Wartburg. Da ich diese schon auf meiner Deutschland-Nord-Süd-Tour eingehend beschrieben habe, verweise ich hier lediglich auf meinen damaligen Wartburg-Bericht.


Unsere Unterkunft hat eine Badewanne! So kann ich die Matte prüfen und das Loch tatsächlich finden: eine produktionsbedingte Schweißnaht. Mit einem speziellen Tape kann ich es flicken und über Nacht hat die Matte die Luft behalten! Weiteren Zeltnächten steht also offenbar nichts im Wege.
Mit heftigem Wind aus Südwest geht es prima voran: Rückenwind! Meistens! Aber natürlich schlägt die Werra auch ein paar Bögen. Egal, sagt der Pedelec-Fahrer! 🙂








In Eschwege wollen wir, aus einer Querstraße kommend, nach links abbiegen. Eine vorfahrtsberechtigte Autofahrerin lässt uns vor und wir fahren freundlich dankend an, müssen aber gleich wieder bremsen, da sie (und wir zunächst auch) einen aus der Gegenrichtung kommenden Radfahrer übersehen haben. Da Uta bereits in Schräglage ist, verliert sie beim Bremsen das Gleichgewicht und stürzt auf mich und mein Rad. Für mich kann ich den Sturz zwar noch abfangen, aber sie fällt unglücklich auf das vorstehende Ende der Steckachse meines Vorderrads. Zwar steht sie bald wieder, hat sich dabei aber eine höllische Prellung in der Nierengegend zugezogen, die unseren Schmerztablettenverbrauch rapide in die Höhe treibt und sie die nächsten Wochen noch begleiten wird!


Über teils schmale Pfade, später wieder auf Asphalt, aber immer direkt am Fluss entlang, erreichen wir Bad Sooden-Allendorf mit seiner beeindruckenden historische Fachwerk-Innenstadt.



Kurz vor Witzenhausen verlassen wir dann die Werra und fahren hinauf ins Eichsfeld. Heute reizen wir unsere Akkus aus: Mit einer Restleistung von wenigen Prozent erreichen wir nach 108 Kilometern Strecke und 760 Höhenmetern einen wunderbar ruhig gelegenen Zeltplatz in Thalwenden. Hier bekommen wir sogar noch ein Abendessen (pulled pork vom Wildschwein aus dem dutch oven – super zart!). Dazu gibt es lokale Biere aus Langenfelde. Und natürlich auch wegen seiner herrlichen Lage ist es eindeutig der beste Zeltplatz der Tour (und supergünstig noch dazu)!


Beim Essen beginnt es zu regnen – macht nichts, das Zelt steht. Wir lernen Michael und Sabine kennen, die mit Auto und einem größeren Zelt hier sind und am nächsten Tag mit ihren Fahrrädern zur thüringischen Landesgartenschau in Leinefelde fahren wollen. Wieder mal so eine Bekanntschaft, aus der mehr entstehen könnte. Aber meist wissen die Entfernungen das ja leider zu verhindern.

Morgen geht es dann an die Leine!
Ascent/Descent: | Distance: 320.34 km |