Ein anspruchsvoller Tag

Samstag, 26. September

Schesaplana-Hütte am Morgen

Es ist Wochenende und bestes Wetter. Zu spät hatten wir überlegt, wo wir die kommende Nacht verbringen wollen. Die Pfälzer Hütte in Liechtenstein hätte sich angeboten, ist aber bereits voll belegt. Das gilt auch für die Oberzalimhütte. Aber eigentlich hatten wir sowieso auf die Mannheimer Hütte gewollt. Die hat zwar schon geschlossen, aber einen offenen Winterraum mit allerdings nur acht Plätzen. Wir sind gespannt, wie voll der sein wird, wenn drumherum alle Hütten ausgebucht sind!

Unterhalb der Chlei Furgga verlassen wir die Via Alpina, der wir bereits den ganzen gestrigen Tag verfolgt sind. Von der Furgga (schweizerisch für Joch oder Pass) haben wir einen Blick zur 70 Kilometer entfernten Bernina. Durchs Tele kann ich Piz Bernina mit seinem Biancograt und Piz Rosegg mit seiner NO-Wand erkennen.

Piz Bernina (Bildmitte) und Piz Rosegg (rechts)

Wir überschreiten die Grenze und steigen ab nach Österreich in ein schattiges kaltes Tal. Nach wenigen hundert Metern verflacht der zunächst steile und schuttige Weg. Rechts von uns breiten sich riesige, vom Schafberg herabstürzende, Schuttreißen aus. Aber was sind das für braune Flecken im Schutt? Anderes Gestein? Büsche?

Plötzlich bewegt sich einer der Flecken. Wir schauen genauer hin und sehen: es sind Gämsen, bald 30 Stück! Aber was äsen die da bloß?

Die „braunen Flecken“

Wieder runter auf 1700 Meter machen wir Pause am Hirschsee, umrahmt von Kiefern, Fichten und vereinzelten Ebereschen. Es ist Samstag und natürlich sind wir hier nicht alleine. Zumindest anfangs. Dann zieht die Karawane weiter und wir genießen die Ruhe und unser Essen.

Pause am Hirschsee

Schweißtreibend und in vielen Kehren steigen wir in voller Sonne zunächst durch einen Latschengürtel und dann einen Schuttfächer hinauf. Dann wird der Weg weniger anstrengend und schwenkt in einen Felsriegel, ein paar Drahtseile schaffen Vertrauen an ausgesetzten Stellen. Wir sind im Spusagang.

Der endet an der Oberzalimscharte. Von hier geht es anstrengend und mit einigen Kletterstellen einen Pfad hinauf und dann in der schattigen Nordseite unter dem Panüeler Kopf hindurch. Leo und ich haben unterschiedliche Methoden für dieses felsdurchsetzte Gelände. Während er die Stöcke wegepackt, um die Hände für die Felspassagen frei zu haben, behalte ich die Stöcke in der Hand, um mir die steilen Gehpassagen zu erleichtern. Im Fels baumeln sie an meinen Handgelenken und sind, zugegeben, ab und an im Weg.

Weiterhin anspruchsvoll gelangen wir schließlich auf den Grat, auf dem die Mannheimer Hütte steht.

Die erreichen wir gegen 17 Uhr. Außer uns sind hier oben noch ein zunächst etwas eigenbrötlerisch wirkender Alleingänger, der aber im Laufe des Abends auftaut und zwei Brüder, vielleicht 20 und 11 (!) Jahre alt.

Dass die Hütte nicht mehr bewirtschaftet ist, hat übrigens einen guten Grund: es gibt kein Wasser! Das heißt aber nicht, das es gar kein Wasser gibt, denn der klägliche Rest des Schesaplanaferners liegt rund 100 Meter tiefer und 20 Fußminuten von der Hütte entfernt. Dahin laufe ich mit unserem Flaschen und meinem Platypus (ein Wassersack). Eine Stunde später bin ich mit sieben Litern Wasser zurück. Abendessen und Frühstück sind gerettet!

Abendessen gerettet!

Die Abendstimmung hier oben bei wolkenfreiem Himmel ist einfach herrlich! Nicht nur die Farbverläufe nach Sonnenuntergang, auch der Blick hinaus auf den Bodensee ist meditativ – bis mich der kalte Wind wieder in den Winterraum treibt.

Besonders alt werden wir heute nicht mehr. Nachdem wir gestern die wohl schönste Etappe der Tour gelaufen sind, haben wir heute die wohl anstrengendste hinter uns gebracht.

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