5. – 10. September

Wenige Kilometer hinter unserem Zeltplatz im Eichsfeld erreichen wir die noch junge und schmale Leine. Eine Zeit lang plätschert sie neben uns her, bevor sie von Landstraßen abeglöst wird, was weniger idyllisch ist.

Wir besuchen das alte Museum des Grenzdurchgangslagers Friedland im ehemaligen Bahnhof – das neue wird erst im November eröffnet. Am Grenzpunkt zwischen britischer, amerikanischer und sowjetischer Besatzungszone gelegen, war es direkt nach dem Krieg zunächst als Registrierungs- und Entlassungslager für Wehrmachtsangehörige gedacht, fungierte bald als Durchgangslager für Heimkehrer aus Kriegsgefangenschaft, schließlich für Spätaussiedler aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und DDR-Flüchtlinge. Später wurden politisch Verfolgte und Asylsuchende aus verschiedenen Ländern hier registriert. Im November soll übrigens der Neubau des Museums eröffnet werden.

Danach geht’s weiter durch eine sehr weite und eher langweilige Landschaft, was sich auch daran zeigt, dass ich zwischen Friedland und Göttingen kein einziges Foto aufgenommen habe. Wenige Kilometer vor Northeim geht’s dann endlich wieder an die inzwischen schon breiter fließende Leine, die sich hier mit einer schönen Aue und mit Vogelschutzgebieten in den Leinepoldern präsentiert. Aber dann folgt der Radweg wieder kilometerweit der lauten Landesstraße.




Schließlich kommen wir nach Einbeck, wo wir noch ein Hotelzimmer ergattern können. Für einen Abend im Brauhaus sind wir leider zu spät (kein Tisch mehr frei), aber wir finden noch Platz in einer Pizzeria mit hervorragender Pizza und Gary Moore Begleitung – sehr italienisch! Das ist jedenfalls mit Abstand besser als auf dem Marktplatz, wo mehrere Open-Air-Musikdarbietungen im Abstand von 10 Metern stattfinden – was für eine Kakophonie!






Zehn Kilometer hinter Einbeck wird’s dann endlich wieder naturnäher. Nun ersetzt die Bahnlinie die Landstraße – es bleibt also die meiste Zeit ruhig. Wir kommen durch Alfeld mit seinem im Stil der Weser-Renaissance umgebauten (ursprünglich gotischen) Ratahaus, passieren bei Nordstemmen Schloss Marienburg, den Stammsitz der Hannoverschen Welfen. Das ist mittlerweile wegen eheblichen Sanierungsbedarfs in eine Stiftung überführt worden und bis auf Weiteres geschlossen.






Nach einer sehr „naturnahen“ Schikane kommen wir an die idyllischen Koldinger Seen. Hier treffen wir auf Julian und Lucy, die gerade zwei Wochen mit ihren Gravelbikes in Norwegen waren. Da es ihre erste größere Tour war, sprechen sie uns, die wir unverkennbar auf Radreise sind, an, um ein paar Erfahrungen auszutauschen. Immer wieder schön, solche Gespräche über Generationengrenzen hinweg – das war in unserer Jugend noch anders. Die alten Wanderer (damals war ich mehr zu Fuß und in den Alpen unterwegs) wurden von uns nur abschätzig „Trachtler“ genannt und Kontakt eher gemieden. Da hat die heutige Jugend uns doch einiges voraus!


In Hannover treffen wir uns mit meinen ehemaligen Kollegen Claudia und Andreas im Biergarten. Nach einer Übernachtung bei Andreas fahren wir durch Hannover und bemerken die Stadt kaum, weil wir auf Hannovers „Grünem Band“ fahren. Statt Stadt sehen wir ganz viel Wald, Grünanlagen und immer wieder die Leine oder ihren kurzen Zufluss, die Ihme.
Hannover hätte mit seinem hohen Entdeckungspotenzial natürlich ein eigenes Kapitel verdient. Da ich aber drei Jahre in Hannover gelebt uind gearbeitet habe, ignorieren wir das heute. Nur soviel: Meine damalige Einstellung hatte sich im Laufe der drei Jahre (ich „musste“ arbeitsbedingt nach Hannover – es war keine freiwillige Entscheidung) gewandelt von „Nichts ist doofer als Hannover“ zu „Hannover ist die wahrscheinlich am meisten unterschätzte Stadt Deutschlands“!
Danach wird die Landschaft bis zum Horizont hin platt und flach. Der Weg changiert zwischen meditativ und langweilig.



Eine Abwechslung bietet Mandelsloh. Hier, in der spätromanischen St.-Osdag-Kirche steht eine wunderbar verzierte Furtwängler-Orgel – noch nie haben wir so viel Schmuck an einer Orgel gesehen!



Hinter Ahlden, wo wir unsere letzte Zeltnacht verbringen, wird es wieder interessanter: Nicht nur wird es hügeliger, auch erste Heidedörfer verlieren sich im Wald. Dann kreuzt eine Heidschnucken-Herde unseren unbefestigten Weg. Wir passieren ein Schäferdorf, die Sprengeler (Wind-)Mühle und einen Steingarten besonderer Art: Eiszeitliche Findlinge sind hier eindrucksvoll in die Heide-Landschaft drapiert. Apropos Heide: Noch sehen wir etwas von der Heideblüte, die zwar schon im Abklingen begriffen ist, aber immer noch mehr Violett als Braun zeigt.








Auf das Museumsdorf Wilsede folgt Undeloh mit seiner aus dem 12. Jhd. stammenden Saalkirche. Dann ist es nicht mehr weit nach Hamburg, dem Ziel unserer Reise. Lediglich die Harburger Berge versuchen, uns noch mit ein paar Höhenmetern aufzuhalten. Es bleibt erstaunlich lange grün. Erst 15 km vor der Innenstadt wird unser Weg städtischer.





Es ist laut. Auf einmal sind wir in der Großstadt. Groß ist auch der Kontrast zwischen den Eindrücken der letzten Wochen und der Hamburger Hektik. Auf einmal scheint niemand mehr Zeit zu haben. Wie oft wir von anderen Fahrradfahrern überholt werden, obwohl wir selber zwischen 20 und 25 km/h fahren, ist schon erstaunlich. Und auch an das verbreitete Hupen der Autofahrer müssen wir uns wieder gewöhnen.


Wir finden unser Hotel und dürfen die Räder mit aufs Zimmer nehmen, da es keinen geschlossenen Fahrradraum gibt. Die Akkus werden allerdings „wegen Brandgefahr“ vom Rezeptionspersonal weggeschlossen. Am Abend gehen wir mit meinem Ex-Kollegen Mory und seiner Partnerin Andrea essen. Ein angenehmer Abend und ein gelungener Abschluss unserer Reise!

Und wenn wir schon in Hamburg sind, besuchen wir noch die Miniatur-Wunderwelt und die Elbphilharmonie, die bei unserem letzten Besuch noch im Bau war, bevor uns am nächsten Tag der Zug wieder nach Hause bringt.





















Ascent/Descent: | Distance: 419.06 km |