Sonntag, 27. September
Anfangs schien es gar nicht so kalt zu sein, aber das Empfinden änderte sich im Laufe der Nacht und endete in Daunenjacke unter drei Decken!

Aber jede Nacht endet mit einem neuen Morgen. Ich versuche mich an einigen Sonnenaufgangsvideos. Dann frühstücken wir und verlassen als letzte die Hütte.

Wir queren den Rest des Schesaplana-Gletschers, der hier nur noch ein relativ flaches Firnfeld ist, und steigen danach über lockeres Gelände, Felsrippen und Schutt hoch zum Grat, über den der Weg von den Schafköpfen zur Schesaplana verläuft.

Leicht abwärts geht es auf ein Joch und anschließend über einen steilen Pfad in einer guten 3/4 Stunde auf den Gipfel. Leo verflucht den Ingenieur, der diese Steilheit geplant hat. Aber vermutlich waren es eher Jäger oder frühe Bergsteiger, die für die Anlage dieser Spur verantwortlich sind und sicher andere Prioritäten als ergonomisches Bergwandern hatten.

Auch von Süden von der Schesaplana-Hütte und von Osten von der Totalp- bzw. Douglass-Hütte steigen die Leute auf den Gipfel. Kein Wunder, nicht nur, weil es Sonntag ist, sondern auch, weil es ein fantastisches 360-Grad-Panorama gibt. Außer der Bernina-Gruppe sehen wir den Ortler, die Ötztaler Wildspitze, die Glarner Alpen und vieles mehr!

Meine Großeltern, eine Generation, für die Urlaub lange ein Fremdwort war, gingen gerne wandern, wenn es ihre Zeit zuließ und im Rentenalter auch in die Berge. Außer meinem Vater (und darüber ich) hatte auch sein Bruder, mein Onkel Klaus, dieses Wander- und Berg-Gen geerbt. Ich erinnere mich an eine Familienfeier – ich war vielleicht acht oder zehn Jahre alt – auf der er von der Schesaplana schwärmte. Das sagte mir zwar nichts, aber der exotische Klang des Wortes blieb mir im Gedächtnis.

Später, in meiner Sturm- und Drangzeit, zog es mich zum Klettern an die Felsen oder in die Viertausender-Region. Das Rätikon und die Schesaplana, von der ich mittlerweile wusste, dass sie ein Fast-3.000er ist, waren „nur was für Wanderer“, also: langweilig!
Heute stehe ich auf dem 2.965m hohen Gipfel, genieße dieses 360-Grad-Panorama bei herrlichstem Wetter und denke an meinen Onkel Klaus, der dem Treiben mittlerweile von oben zuschaut.

Steil geht es hinab zur Totalphütte, manche Stellen sind mit einem Drahtseil gesichert. Zwei Frauen, die beide recht unsicher wirken, halten sich daran fest, als die vordere stürzt, sich weiter am Seil haltend. Da das aber viel zu locker ist, zieht sie die nachfolgende aus dem Stand, die ebenfalls stürzt und auf den Rücken fällt. Der Rucksack dämpft zum Glück den Aufprall und verhindert schlimmere Verletzungen. Beide können sich wieder aufrappeln und beteuern, dass alles in Ordnung sei. Später sehen wir sie an der Hütte wieder, äußerlich und auch motorisch unbeeinträchtigt. Noch mal Glück gehabt!

Die Totalphütte ist heute den letzten Tag geöffnet. Alles, was an Getränken noch vorhanden ist, wird zum Pauschalpreis (aus)verkauft, die Erlöse gehen komplett nach Nepal – schöne Aktion!

Der Lünersee ist zwar ein Stausee, liegt aber mit seinem Kalkalpen-typisch blaugrün gefärbten Wasserspiegel idyllisch inmitten der umliegenden Berge. Den Weg zur Douglasshütte, die zugleich Bergstation einer Seilbahn ist, teilen wir uns mit vielen Tagesausflüglern.

Übrigens: Der Tracker spinnt! Seit Tagen blinkt nun schon die Power-LED rot und verkündet den kurz bevorstehenden Tod der Batterien. Aber tatsächlich trackt er immer weiter – die Karte ist also nach wie vor aktuell.
Ich danke dir für die Erinnerung an meinen Vater, deinen Onkel Klaus. Ja, die Meier‘ s waren und sind verrückte Bergziegen.
Was habt ihr für ein Glück mit dem Wetter! Und diese phantastische Fernsicht. Toll!