Freitag, 6. Juni 2025
Dadurch, dass ich nicht mehr zelten kann, bin ich bei den Übernachtungen inflexibler. So habe ich mich dann gestern Abend schon um eine Übernachtung für heute gekümmert. Ich werde dann heute gute 90 km fahren müssen und das heißt: weniger Foto- und vor allem Filmstopps! Aber gut, wird schon gehen.
Auf den ersten 20 km onduliert die Strecke durch die Vorberge der Pyrenäen. Der Ablauf ist immer derselbe: bergauf Federgabel schließen, Trikot auf; bergab Federgabel auf, Trikot schießen. Außer meinem Atem – insbesondere bergauf – höre ich nur die Vögel zwitschern.

Der Blick nach rechts (Süden) zeigt leider immer noch nicht den grandiosen Pyrenäen-Blick, den ich auf dieser Tour erwartet habe. Immerhin haben sich die Wolken weiter zurückgezogen, die Gipfel sind aber noch nicht frei. Dafür ist das Radfahren hier herrlich, insbesondere die sechs Kilometer abwärts durch das Tal des Nistos.
Saint-Bertrand-de-Comminges war mal eine bedeutende Hauptstadt der römischen Welt und später bis zur französischen Revolution Bischofssitz. Daher die Kathedrale, die irgendwie auch an eine Burg erinnert und, prominent auf einem Hügel sitzend, die umliegende Gegend dominiert. Seine Bedeutung hat der Ort verloren, heute leben hier nur noch 250 Einwohner.

Im Innenraum beherbergt sie ein merkwürdig anmutendes, rundum geschlossenes und kunstvoll geschnitztes Chorgestühl aus Eichenholz, das im 16. Jahrhundert erstellt wurde, um den Klerus vom Pöbel zu trennen. Vornehm ausgedrückt, um die Intimität der Kanoniker von der Masse der Pilger zu trennen, die damals auf dem Weg nach Santiago de Compostela hier Station machten. Was es allerdings mit dem Krokodil an der Säule auf sich hat, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.


Von Saint-Bertrand-de-Comminges aus geht es erstmal nach Norden bis zum Tal der Garonne, das mich dann wieder nach Osten bringt.

Und während ich so mit 25 km/h auf einsamen Wegen dahinfliege, fliegen mir auf einmal Schwärme von Gewittertierchen in den Weg. Wie ein intensiver Sprühregen dringen sie auf mich ein! Da hilft nur: Augen zu und durch. Ach ja und Mund zu natürlich auch, sonst bin ich bald überproteiniert! Es ist unglaublich, wie schnell die sogar unter meinem Trikot sind! Immer wieder muss ich stehen bleiben, um sie von den Klamotten zu schütteln und von der Haut abzustreifen.

Es ist Mittag. Ein Restaurant am Wegesrand lässt mich spontan anhalten. Ich bestelle ein Menu du jour. Das war ein Fehler! Als Entrée gibt es eine große Portion bunten Kartoffelsalat. Durchaus lecker, aber davon alleine könnte ich schon satt werden! Als Hauptgang kommt dann ein riesiges Steak, auf Holzkohle gegrillt, dazu eine ebenfalls große Portion Pommes. Unnötig zu erwähnen, das ich nichts davon aufgegessen habe. Statt Dessert nehme ich einen Kaffee.
Gegen Viertel nach drei merke ich, wie ich müde werde. Gut 65 km stehen für heute auf dem Tacho. Das späte Mittagessen hält mich wohl auch noch im Lunchkoma. Nur gut, dass meine Sträßchen mich nahezu eben und dazu quasi autofrei nach Osten führen.


Den ganzen Tag schon habe ich keinen Mobilfunk- und Inernet-Empfang. Das kann doch nicht sein? Ich starte mein Smartphone neu und siehe da: alles wieder normal. Aber mich erwartet auch eine unangenehme Überraschung: meine Unterkunft hat abgesagt (und natürlich schon heute Vormittag)! Zum Glück finde ich noch eine Alternative in der Nähe. Ich hätte keine Lust, nochmal 20 km weiter zu fahren!

Pierre, mein heutiger Vermieter hat ein Hobby: Citroen. In seinem Schuppen stehen zwei 2CVs, individuell lackiert mit Louis der Funès bzw. Tintin (Tim und Struppi) und ein Typ H (das ist der kantige Wellblech-Transporter); dazu noch Teile als Bar oder Wandschmuck und eine alte Total-Tankstelle. Sehr kultig!




Auf meinem Navi stehen heute Abend 92 km und knapp 700 Höhenmeter. Das merke ich auch!
Time: 6.6.2025, 09:01:1 |
Duration: 04:49:16 |
Ascent/Descent: | Distance: 91.20 km |