Mo, 1. Juni 2026
Am Morgen geht es erstmal steil auf Kopfsteinpflaster aus dem Ort heraus. Wenn ich gestern schon nicht schieben durfte, so kann ich heute wenigstens gleich damit anfangen. Das Kopfsteinpflaster hört auf, die Straße wird glatt und weniger steil. Los geht’s!

Anfänglich durch Buchen- später dann durch Kiefernwald fahre ich nun auf eine Höhe von knapp 1.400 m. Dabei kommt mir tatsächlich ein Jogger entgege. Man muss dazu wissen, dass Kicevo nicht nur Wintersportort ist, sondern auch Paragliding Hotspot

Die erste Abfahrt des Tages verläuft auf einer schmalen, glatten Asphaltstraße ohne jeglichen Verkehr. Wenn ich anhalte, höre ich tatsächlich nichts außer Kuckuck und Zippammer, während Eidechsen durch den Kies am Straßenrand wuseln. Ab und an summt eine Fliege oder brummt ein Käfer vorbei. Im Klee sehe ich gelbe, weiße und orangefarbene Schmetterlinge, die ich leider nicht bestimmen kann. Nordmazedonien gilt als Schmetterlingsparadies und weist eine der höchsten Artenvielfalten Europas auf. Immerhin kann ich noch Bläulinge erkennen, wenn auch kleiner, als ich die aus den Alpen kenne. Ob das der vom Aussterben bedrohten Mazedonischen Bläuling ist?
Kaum mag ich mich losreißen von dieser Idylle, aber irgendwann setze ich die Abfahrt dann doch fort.

Wieder runter auf 870 m Höhe, beginnt der nächste Anstieg von knapp 500 Höhenmetern
Immer wieder halte ich an und bestimme mit Flora incognita diverse Blüten wie wilde Malve, italienischen Natternkopf, gewöhnliche Leinkraut, den zitronig riechenden Steppenthymian, welligblättrige Ochsenzunge und noch viele mehr.





Ein kleines bewaldetes Tal mit unzähligen Baumarten (jetzt höre ich aber auf mit dem Bestimmen!) führt mich weiter der Höhe entgegen.
Im kleinsten Gang (was sonst?) gehe ich die Steigung an, die immer wieder mit Leistungseinlagen von 10% aufwartet. Bei der daraus resultierenden Geschwindigkeit können die Fliegen natürlich locker mithalten. Permanent schwirren sie vor meinem verschwitzten Gesicht herum und nerven. Als der Neigungsmesser die 10 überschreitet, wechsele ich wieder auf schieben.
Wenn mein elektronischer Neigungsmesser nicht aussteigt, vermutlich weil ich zu langsam bin als dass er ein gesichertes Ergebnis anzeigen könnte, zeigt er schon mal 17% an. Ich mache ein Foto, dass definitiv nicht übersteilt ist: im Sucher meiner Kamera ist eine Wasserwaage integriert, die ich genau ausgerichtet habe. Um das Foto machen zu können, musste ich das Vorderrad meines Radls mit einem großen Stein fixieren, sonst wäre das Rad weg gerollt.

Immerhin gibt es auch flachere Passagen von drei, vier, fünf Prozent, in denen ich locker pedalieren kann und ein bisschen Fahrtwind sogar eine leichte Kühlung bringt. Wenn ich Absteige und anhalte, was ich zugegebenermaßen häufig tue, genieße ich neben einem Schluck aus der Wasserflasche auch immer wieder die Abwesenheit von Menschen-gemachten Geräuschen. Diese „Stille“, gefüllt von Amsel, Zaunkönig, Mönchsgrasmücke und Nachtigall, ist ein Zustand, den viele Menschen wohl gar nicht mehr ertragen können. Mich lässt sie unglaublich zur Ruhe kommen – ich weiß gar nicht, wie ich das sagen soll – das ist so tief, so grundierend.
Gut 3 km vor dem höchsten Punkt geht die Straße in einen Kiesweg über. Ab hier wird geschiebgravelt.

Aber dann bin ich wieder auf knapp 1.400 m Höhe und am höchsten Punkt des zweiten Anstiegs. Von hier geht es noch einmal fünf Kilometer unbefestigt hinab bis zum einem „rest stop with benches“, wie das TD Navigation Pack lapidar sagt. Aber was ist das für ein „rest stop“? Er wirkt mehr wie eine Eremitage ohne Eremit, dafür mit Gesellschaftsräumen. Und mit schattigen Sitzgelegenheiten ohne Ende. Genial! Hier lasse ich mir meinen heute morgen in Kruševo erstandenen Burek und noch einiges andere aus dem Vorrat schmecken.





Nach einer Stunde Pause (fast müßig zu erwähnen, dass es auch hier keine menschlichen Geräusche außer meinem eigenen gab), breche ich gegen Eins wieder auf. Nun habe ich noch 40 km bis Kicevo vor mir – alles bergab oder flach.

Wunderbar entspannt geht es jetzt durch eine Landschaft von „rolling hills“, wobei die nur rechts und links von mir sind und vor und hinter mir. Die Straße selber ist total flach.

Dann komme ich auf die Straße von Bitola nach Kicevo. Klingt nach Hauptverkehrsstraße, ist aber nix los. Ich lasse kilometerlang talauswärts rollen, bevor ich das erste Mal von einem Auto überholt werde. Insgesamt werden es vier auf 18 km.
Nach Kicevo zu fahre ich noch ein paar Kilometer parallel zur E65, bevor sich eine Begegnung nicht vermeiden lässt. Da fängt aber schon der Ort an und der Verkehr ist nicht mehr schnell.
Time: 1.6.2026, 08:13:5 |
Duration: 03:14:35 |
Ascent/Descent: | Distance: 59.33 km |
Und dann passiert etwas, was sich kein Drehbuchautor ausdenken kann:
Gestern Abend hatte ich über booking.com ein Appartment gebucht. Die Buchungsbestätigung kam prompt, eine Info der Vermieterin, wie ich an die Schlüssel komme, jedoch nicht.
Nun stehe ich also suchend vor dem Haus, als mich jemand anspricht, der mir offensichtlich weiterhelfen will. Er kann, immerhin, ein paar wenige Worte deutsch, sodass ich ihm meine Lage erklären kann. Er insistiert, dass es sich um das Haus gegenüber handeln müsse, aus dem dann Mutter und Tochter kommen und ebenfalls gleich in die Lösungssuche eingespannt werden. Die Tochter kann recht gut Englisch.
Drei weitere Männer kommen hinzu, einer greift zum Telefon und reicht es mir schließlich mit einem Deutsch sprechenden Mann am Apparat. Nach kurzer Klärung der Sachlage schickt dieser mir die Kontaktdaten der Vermieterin per WhatsApp (Einschub: ich kann selber nur übers Internet, also z.B. WhatsApp telefonieren, weil ich hier auf dem Balkan eine E-SIM nutze, die nur Datenverkehr unterstützt, aber keine Mobilfunk-Kommunikation). Er versucht sogar selbst, sie anzurufen, kann sie aber nicht erreichen. Auch meine WhatsApp-Versuche gehen ins Leere. Schließlich schreibe ich ihr, dass ich die Buchung stornieren würde, weil ich keinerlei Resonanz bekomme.
Ich checke im Hotel ein, dass über booking.com € 69 kosten soll. Vor Ort bekomme ich es dann für umgerechnet 34! Das Zimmer ist gut, das Bad auch, nur für die Klimaanlage fehlt die Fernbedienung, und das Zimmer ist (zu) warm.
Ich frage an der Rezeption nach und bekomme zur Antwort, dass die Klimaanlage € 5 extra kosten würde. Ich ziehe eine Augenbraue hoch und sage, dass das ja wohl absolut unüblich und einmalig sei. Entschuldigend heißt es, der Chef wolle das so. Meine Augenbraue bleibt oben. Aber man könne dem Chef auch einfach sagen, dass ich bezahlt habe. Ich bekomme die Fernbedienung ausgehändigt. Wer wollte sich denn da wohl ein Zubrot verdienen???
Ich bekomme noch eine WhatsApp von dem Mann, der den Kontakt zur Vermieterin des Appartments vermittelt hat: Wie es denn aussieht? Er wirkt ganz enttäuscht, dass seine Vermittlungsbemühungen nicht erfolgreich waren, obwohl das ja definitiv nicht an ihm lag.
Kurz drauf lädt er mich, immer noch per WhatsApp, zu einem Bier ein. Ich sage zu. Wir treffen uns eine halbe Stunde später in einem Restaurant, wo er mit zwei Freunden sitzt. Einer der Freunde ist Albaner wie er selbst, der andere Mazedonier.
Er selber, Isen heißt er, ist bei Kassel aufgewachsen, hat bei Hessen Kassel in der 2. Liga Fußball gespielt und hat eine Wohnung in demselben Haus wie die Vermieterin. Sein mazedonischer Freund macht die Hausverwaltung.
Isen erzählt viel aus seinem Leben, u.a., dass er auch in Deutschland sieben Häuser mit 40 Wohnungen besitzt. Der Mazedonier besteht darauf, dass ich mazedonisch esse (für mich leider zu viel Fleisch) und einen mazedonischen Wein aus Tikveš trinke (sehr gut!). Schließlich werde ich von dem anderen Albaner, der als einziger der Runde nichts getrunken hat, zu meinen Hotel zurück gefahren.
An diesem Abend habe ich nicht einen Denar ausgeben dürfen!
Diese Begegnungen voller Hilfsbereitschaft, Gastfreundschaft und Großzügigkeit sind das Beste am gesamten SO-Europa. Manches Mal kommt man sich dann als wohlhabender Deutscher etwas seltsam vor, aber die Herzlichkeit ist echt und ohne Gegenerwartung. Ein Höhepunkt in jeder Reise!
Das auf einer Hauptverkehrsstraße immer viel los sein muss, ist ein typisch deutsches Vorurteil. und doch immer wieder schön, wenn einem das Gegenteil bewiesen wird …