Sonntag, 31. Mai 2026
Das gibt ja eine witzige Etappe heute. Erst 40 Kilometer quasi flach und am Schluss nochmal 550 Höhenmeter über 10 km mit einem Gradienten bis zu 14%! Ok, Schieben kann ich ja! Mein Ziel, Kruševo, ist eine der höchstgelegenen Städte des Landes: 1.350 Meter hoch.

Ich fahre über eine Hochebene nach Norden, die Straße flankiert mit Klatschmohn; links von mir die Gebirgszüge um den Pelister, rechts eine weitere Gebirgskette die ich nicht identifizieren kann, weil alle meine Kartendarstellunge nur kyrillische Buchstaben aufweisen. Vielleicht hat ja jemand noch einen Diercke-Schulatlas zur Hand und kann die Gebirge um mich herum identifizieren?

Die Route verläuft zeitweise auf einer relativ stark befahrenen Straße. Wenn keine Autos kommen, höre ich Nachtigall und Drosselrohrsänger, aber diese Momente sind viel zu kurz. Schade, denn es geht dabei durch eine wunderschöne Landschaft.


20 km nach dem Start komme ich dann wieder auf eine kleinere Straße mit weniger Verkehr. Und dann wird es sehr ländlich.Die Dörfer sind klein und wirken ärmlich, ab und an sehe ich eine Schafherde. Auch viele kleine Traktoren die, so scheint es mir, in Ermangelung eines Autos als Verkehrsmittel genutzt werden.


Langsam muss ich leider auch meinen Eindruck vom vergleichsweise sauberen Nordmazedonien revidieren, zumindest für diese Gegend. Hier gibt es doch viele wilde Müllhalden an der Straße. Da sehe ich mir doch lieber einen muslimischen Friedhof an, der ebenfalls „wild“ an der Straße zu liegen scheint.

Plötzlich fliegt mir etwas gegen die Unterlippe. Ich kann es noch schnell wegpusten, bevor es im Mund verschwindet, aber ich spüre einen kurzen, stechenden Schmerz und dann ein Gefühl, wie wenn beim Zahnarzt die Spritze zu wirken beginnt. Ich halte sofort an und schlucke eine der Tabletten, die ich seit der Wespenbegegnung auf der Deutschland-Nord-Süd-Tour vor zwei Jahren für solche Fälle immer bei mir habe. Und tatsächlich: für den Rest des Tages habe ich Ruhe!
Dann beginnt auch schon der steile, 550 Hm-Anstieg nach Kruševo. Dabei hatte ich heute noch nicht einen Kaffee 😱 Es gab einfach nichts unterwegs, keine Bar; also dope ich mich mit einem Müsliriegel, Schokolade, Keksen und Fanta. Also allem, was im Gepäck Kalorien verspricht.

Die Sonne heizt, es ist schwül und es geht kein Wind. Puh! Dann aber ziehen ein paar Wolken vor die Sonne und schaffen etwas Kühlung, zumindest zeitweise. Das ist wohl der Regen, den meine Wetter-App ab 12:00 vorhergesagt hatte!

Und dann bin ich auch schon in Kruševo, ohne dass sich die angekündigten Brutalo-Steigungen gezeigt hätten! Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Aber auch Überraschungen der anderen Art: als ich etwas einkaufen will, zeigt sich, dass alle Geschäfte geschlossen sind: es ist Sonntag – was hier bisher kein Grund war, nicht zu arbeiten. Offenbar bin ich jetzt aber in einer deutlich christlich geprägten Gegend.
Den ersten Kaffee des Tages gibt es übrigens erst um halb Vier hier in Kruševo! Zum Glück sind die Bars trotz des Sonntags offen. Ich habe tatsächlich die ganze Etappe ohne Kaffee geschafft! Ich sag’s ja immer: der Mensch wächst an seinen Herausforderungen! 😎






Nachdem ich geduscht bin, laufe ich zum Ilinden Monument, einem Denkmal für den Aufstand gegen die osmanische Herrschaft, der im Herbst 1903 in Teilen Thrakiens und Makedoniens ausgerufen wurde. Kruševo wurde dadurch eine Republik mit Idealen wie Freiheit und Gleichheit, wenn auch nur für 10 Tage. Auch damals mochten türkische Herrscher keine Opposition! Während heute die meisten mit ungerechtfertigter Haft davonkommen, bezahlten damals einige Tausend Menschen den Aufstand mit ihrem Leben.



Mein Abendessen in einer Pizzeria, bei dem ich auch diesen Artikel ausarbeite, wird übrigens begleitet von einer Kakophonie aus, wie üblich zu lauter, Musik und intensivsten Diskussionen der diversen hier herumlaufenden Hunde. Und dann prasselt auch noch Regen auf das Blechdach über der Terrasse. Gut, dass ich darunter sitze!
Time: 31.5.2026, 08:24: |
Duration: 03:16:39 |
Ascent/Descent: | Distance: 52.14 km |
Also ohne Kaffee wäre ich vielleicht auf den Sattel gekommen aber weiter nicht. Dein Körper kennt dich und deine Zähigkeit. Immer wieder alle Achtung . Ein super schönes Mohnfeld.
Hmmm, schwer zu sagen, in welche Richtung du über das Mohnfeld schaust. Wenn du von Bitola aufgebrochen bist, liegt der Pelister eigentlich schon hinter dir. An kyrillischen Buchstaben soll’s nicht scheitern, aber ich finde sonst nur Namen von Orten, und nicht von Bergzügen. Muss also vorerst bei „no-name-Mountains bleiben.
Sehr pittoresk, das Ilinden Monument. Hoffentlich findest du morgen früher Kaffee 😉