Hallo Murphy!

Oder: Manchmal ist einfach der Wurm drin

Sonntag, 7. Juli

Sturm. Orkanböen. Es pfeift durch jede Türritze im Sanitärtrakt. Die Alarmanlagen der Wohnmobile gehen im Minutentakt an. Und mein Zelt bricht zusammen. Und zwar, während ich im Campingplatz-Restaurant an meinen Blog schreibe. Als ich es merke, ist es schon zu spät. Das Zelt liegt flach auf den Boden, nur das drinnen liegende Gepäck trotzt noch der Einebnung. Ein Gestänge-Segment ist gebrochen, zum Glück ist die Zelthaut aber unbeschädigt.

Mein Zelt im Sturm

Während ich in der beginnenden Hektik versuche, irgendwie Ordnung in dieses Chaos zu bekommen, ohne dass alles davonfliegt, hilft mir ein Paar spontan und packt mit an, zieht die Häringe und trägt das Zelt samt Inhalt mit mir in die Waschräume, wo ich erst mal lange mit Auseinandernehmen und Sortieren beschäftigt bin.

Chaos im Waschraum

Tatsache ist, das Gestänge ist kaputt. Dann laden Britta und Bernd, so heißen die zwei, mich noch auf ein Glas Wein in ihren Camper ein. Aus dem einen werden zwei, dann zweieinhalb, während wir uns über unsere Kinder, Enkel, Reisen und die Möglichkeiten und Herausforderungen des Rentenbeginns unterhalten. Ach ja: 105 km/h sollen die stärksten Böen gehabt haben, sagt Bernds Wetter-App.

Mit Britta und Bernd in ihrem Camper

Schließlich ist es spät und ich schlage mein Lager im überdachten Zugang der Campingplatz-Werkstatt auf, wo auch einige Möwen regelmäßig übernachten, wie man an deren Hinterlassenschaften auf dem Boden erkennt. Ich finde ein unbesch… Plätzchen.

Schlaflager zwischen Schwalbenschiet

Das war gestern Abend. Aber auch heute morgen scheint immer noch der Wurm drin zu sein. Mein Tracker ist am Ende und überträgt kein Signal (ich hätte wohl vorher noch die Batterien wechseln sollen), mein Navi findet keine Satelliten, die Whatsapps von gestern Abend wurden erst heute morgen zugestellt und selbst das Smartphone hat heute nur ein ungenaues GPS-Signal.

Ich fahre nach Keitum. Der Ort ist bekannt für viele schöne, reetgedeckte (und vermutlich kaum bezahlbare) Häuser. Aber auch für das älteste in der Gegend: ein altfriesisches Haus von 1739, heute als Museum ausgebaut. Rein gehe ich nicht, es hat noch geschlossen. Dafür gehe ich frühstücken. Das ist nämlich heute morgen ausgefallen. „Nielsens Kaffeegarten“ hat schon auf und kredenzt, auch wenn es der Name nicht verrät, auch sehr gute Tees.

Der Zug, der mich von Morsum nach Klanxbüll, und damit von der Insel runter bringen soll, hat auch so seine Probleme: 25 Minuten Verspätung. Aber heute wundert mich nichts mehr.

Von Klanxbüll aus fahre ich rund 15 km zunächst über eine kleine Landstraße. Der immer noch heftige Wind treibt mir den Duft von wilden Kamillen in die Nase. Großflächig haben sie hier die verblühten Rapsfelder erobert.

Unterwegs treffe ich auf Marion. Marion kommt eigentlich aus dem Frankenland, ist aber des Klimas wegen hoch in den Norden gezogen. Im Moment kommt sie allerdings von Frankfurt, wo sie an einer Demo gegen Tierversuche teilgenommen hat. Noch immer gibt es jahrzehntelange Tierversuchsreihen ohne greifbare Ergebnisse (außer, dass die Tiere dabei leiden), sagt sie. Sie ist Aktivistin bei Ärzte gegen Tierversuche und engagiert sich auch bei proVieh. Das Thema ist ihr so wichtig, dass sie sich von mir nur mit dem entsprechenden Infomaterial porträtieren lassen will. Marion hat aber auch ein kleines Markenzeichen: Den Schirm, der hinten aus ihrem Rucksack herausschaut und der immer dabei ist. Sicher ist sicher!

Marion, Aktivistin gegen Tierversuche

Aber Murphy bleibt weiterhin aktiv: ich merke, dass die Akkuleistungen sowohl meines Navis als auch meines Handys schnell nachlassen und will beide aufladen. Die Powerbank sollte voll sein, nachdem ich sie gestern Abend auf dem Campingplatz noch an die Steckdose gehängt habe. Aber wo ist das Kabel für das Navi? Auch längeres Suchen bringt es nicht zum Vorschein. Egal, ich hab ja noch mein Handy. Doch zu meiner Überraschung tut sich nichts, als ich es an die Powerbank hänge. Hä? Wie jetzt? Ich fahre nach Dagebüll hinein und setze mich in ein Café. KO-Kriterium ist die Verfügbarkeit von Steckdosen. Naja, ist zum Glück nicht allzu schwer zu erfüllen. Dagebüll ist ansonsten kein prickelnder Ort. Eigentlich ist es nur der Hafen für die Fähren nach Föhr und Amrum.

Und noch etwas läuft nicht mehr: mein Fahrradcomputer zeigt keine Geschwindigkeit mehr an. Ich justiere den Taktgeber an den Speichen nochmal, sodass er dem Empfänger an der Gabel gegenüber steht: nichts. Eigentlich gab’s da auch nicht zu justieren. Die Position stimmte. Und gestern tat er’s noch. Ich bin ratlos.

Das beste kommt ja bekanntlich zum Schluss. Hat sich wohl auch Murphy gedacht: Vier Kilometer hinter Dagebüll habe ich eine Reifenpanne, natürlich hinten. Ich habe eigentlich keine Lust, das Hinterrad auszubauen. Also lege ich nur den Schlauch frei, pumpe ihn auf und versuche mit den Händen ein Loch zu erfühlen. Wegen des Windes, der hier am Meer nach wie vor sehr heftig bläst, kann ich aber keine schadhafte Stelle spüren. Also nehme ich mir ein Pannenspray – wird ja wohl bis zum nächsten Fahrradladen halten.

Beim (vergeblichen) Versuch, den Schlauch zu flicken

Kaum habe ich angefangen, das hinein zu sprühen, quillt der Schaum an einer Stelle 10 Zentimeter vom Ventil entfernt schon massiv hervor. Zuviel geht hinaus – und das habe ich nicht spüren können? Der Reifen ist ganz schnell wieder platt. Einen Ersatzschlauch habe ich nicht dabei (wie blöd ist das denn?). Jetzt bleibt mir nur noch die Pannenhilfe des ADFC. Die funktioniert immerhin, kann aber auch keine Vor-Ort-Reparatur durchführen und bringt mich ins nächste Hotel – zurück ins schöne Dagebüll. Mal schauen wie das morgen weitergeht. Der Reifen ist natürlich weiterhin platt.

Warten auf die Pannenhilfe des ADFC
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5 Kommentare
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Viktor
16 Tage zuvor

Oh Mann, Thomas! Murphy lebt tatsächlich. Kann ja jetzt nur noch besser werden. Hoffentlich – ich drück dir die Daumen.
Wichtig ist: Hauptsache du bist gesund. Hätte dich ja auch ein Ast auf dem Fahrrad erwischen können. So geht Optimismus 😉
LG Viktor

Tine
Tine
17 Tage zuvor

Das liest sich ja fast wie ein Krimi, mindestens wie ein spannender Abenteuerroman – aber es scheint nicht fiktiv. Halte durch, lieber Tom!

Andreas Keller
Andreas Keller
17 Tage zuvor

Unglaublich. Wie kann denn an nur einem Tag soviel kaputt und schief gehen? Hoffentlich läuft es morgen wieder rund.