Ans Ziel meiner Reise

Mittwoch, 31.05.23

Über die am heutigen Morgen recht ruhige Küstenstraße fahre ich Richtung Osten. Dabei verwöhnt mich der Wind zum Ende der Tour: er kommt von Westen. Nach wie vor ist es eine einsame Gegend, durch die ich komme: flache Wiesen und Moore, Ginster und immer wieder Blick auf Küste und Meer sind die Bezugspunkte, die die Landschaft den Augen bietet. Wenn nicht gerade ein Auto vorbeifährt (und ich stehen bleibe) herrscht Ruhe. Ansonsten höre ich das Rauschen der Reifen auf dem Asphalt und das des Fahrtwinds in meinen Ohren: der Rückenwind lässt mich heute immer wieder mit 30 km/h auf ebener Strecke dem Ziel entgegen fliegen.

Durch das Hinterland der Küste nähere ich mich Thurso auf ruhigeren Nebenstraßen. Die Stadt, die um das Jahr 1000 von Wikingern gegründet wurde, ist mir natürlich für eine Kaffeepause willkommen. Außerdem will ich die Wolfburn-Distillery besuchen.

Der geht die Beschaulichkeit von Balblair völlig ab. Die Produktionsstätte der noch jungen, erst 2011 (wieder) gegründeten Distillery liegt ziemlich unscheinbar in einem Gewerbegebiet. Die Eingangstür in das Herz des Unternehmens ist sowas von übersehbar, dass ich zunächst bei einem ganz anderen Unternehmen lande. Dahinter könnte sich auch eine Lagerhalle für Toilettenpapier befinden. Aber wie sich herausstellt, bin ich hier richtig.

Die Führung ist zwar schon ausgebucht, aber ich kann die core range, immerhin fünf verschiedene Whiskies, verköstigen. Und das lohnt sich! Den allesamt jungen Whiskies, sieben bis zehn Jahre alt, merkt man den Alkoholgehalt kaum an, so wenig sticht es in der Nase oder brennt am Gaumen. Selbst der nahezu fassstarke unter den Proben verheimlicht seine 54% gekonnt! Interessant auch, wie Wolfburn mit der Reifung umgeht: Die Whiskies werden nicht über wenige Monate in geschmacksgebenden Fässern nachgereift, sondern über die volle Zeit in Bourbon-, Sherry- oder auch Laphroig- Fässern gelagert und anschließend gemischt. Das ergibt sehr harmonische und gleichzeitig milde Spirituosen. Alles in allem definitiv eine Entdeckung!

An die Kaffee- und Whiskypause schließe ich nahtlos eine Mittagspause an, bevor ich mich wieder auf das Rad wage. Zum Glück waren die Tasting-Mengen ja nicht groß, aber fünf sind trotzdem fünf!

In Castlehill, neun Kilometer hinter Thurso, lässt mich ein interessant aussehender, aus gleichmäßigen Natursteinplatten aufgebauter Turm spontan anhalten.

Hier bin ich in einem ehemaligen Abbaugebiet von „flagstones“ gelandet, mineralisch gebundenem Sandstein, der sehr gleichmäßig sedimentiert wurde und deshalb wunderbar in Lagen gebrochen werden kann. Seine Verwendung fand er als Dachschindeln ebenso wie als Gehwegplatten. Anfang des 20. Jh. waren hier mehrere hundert Menschen beschäftigt, die einerseits froh waren, in einem florierenden Industriezweig Arbeit gefunden zu haben. Andererseits waren die Arbeitsverhältnisse damals sehr ausbeuterisch: Lohnfortzahlung wegen Krankheit oder bei schlechtem Wetter gab es noch nicht. Und die Arbeiter waren dazu verpflichtet, alle Lebensmittel und Gegenstände der täglichen Haushaltsführung vom Arbeitgeber zu beziehen. Dessen Geschäfte liefen so gut, dass die hier abgebauten Steine nicht nur in Großbritannien verwendet wurden, sondern auch über einen extra dafür angelegten Hafen bis nach Australien, Nord- und Südamerika verschifft wurden.

Mit jedem Kilometer, dem ich mich nun John o’Groats nähere, wird das Grinsen wieder breiter, das ich schon in den Pyrenäen am letzten Tag im Gesicht mit mir herum trug.

Und dann bin ich da. Am Signpost, dem unumstößlichen Beweis, das Ende meiner Reise erreicht zu haben. Ich bitte ein paar Motorradfahrer (natürlich die mit den leisen Maschinen), ein Foto zu machen. Und das war’s dann. Ende der Erzählung.

Am Ziel

Ende der Erzählung? Naja, morgen nehme ich die Fähre hinüber auf die Orkneys, radel dann die 35 Kilometer bis Kirkwall, vielleicht schaue ich mir auch Skara Brae noch an, bevor Freitag Abend meine Fähre nach Aberdeen geht. Aber das alles hat mit der eigentlichen Tour nichts mehr zu tun, ist vielmehr Teil der nicht ganz unkomplizierten Rückreise.

1.925 Kilometer bin ich geradelt, auf und ab, mitunter mit Rücken-, häufiger jedoch mit Gegenwind, und habe dabei rund 18.200 Höhenmeter in die Oberschenkel gearbeitet.

Vielleicht schreibe ich in ein paar Tagen, wenn sich die Eindrücke noch mehr gesetzt haben, wieder ein Fazit, aber bis dahin müssen diese erst einmal sacken. Die vielfältigen Landschaften, durch die ich gefahren bin, die interessanten Menschen, denen ich begegnet bin, die Grenzen meiner physischen und psychischen Belastbarkeit, denen ich mich wieder mal ausgesetzt habe, die Bilder, die sich im Silizium meiner Speicherkarte, manche aber auch nur im Kopf festgesetzt haben: all das braucht Zeit, bis es sich zu einem Gesamtbild verdichtet hat. Eine großartige Reise, soviel steht jetzt schon fest, war es auf jeden Fall!

Time:
31.5.2023, 09:53:
Duration:
06:37:55
Ascent/Descent:
610 m 591 m
Distance:
66.03 km
Kommentare abonnieren?
Benachrichtige mich bei
guest
10 Kommentare
neueste
älteste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anschauen
Franz
Franz
10 Monate zuvor

Hallo,
Danke für den schönen Bericht. Macht richtig Lust. LEJOG steht auf Platz 2 meiner „Noch-Zu-Radln-Liste“.

Und Kompliment zur Website. Ich werde wohl noch öfters vorbeischauen. 🙂

Gruß
Franz

Silke Martin
Silke Martin
1 Jahr zuvor

Danke für den tollen Blog und Glückwunsch zur tollen Tour!

Birgit
Birgit
1 Jahr zuvor

Lieber Thomas, ich danke dir für die tollen Berichte und Bilder. Ich hatte immer das Gefühl dabei zu sein. Gute Rückkehr und Verarbeitung deiner Eindrücke, Begegnungen….

Viktor
1 Jahr zuvor

Die Entdeckung der Wolfburn-Produkte ist ja ein würdiger Abschluss einer tollen Reise. Danke, dass du uns daran teilhaben lässt.
Jetzt wünsche ich dir noch eine problemlose Rückkehr!

Christa Reppel
Christa Reppel
1 Jahr zuvor

Vielen Dank, lieber Thomas, für all deine inhaltsreichen Beschreibungen und die herrlichen Fotos. Das Foto im Turm verleiht dir einen ein Heiligenschein, den du du nach all den Strapazen auh verdient hast, echt! Auf den Orkneys bin ich lange gewandert und Skara Brae ist allein schon eine Reise wert. Und auch die Überfahrt habe ich sehr genossen, wirst du sicher auch.
Gute Rückreise ohne Pannen, Pech und Pleiten und herzliche Grüße bis bald wieder in Ippendorf.
Christa