Coffee is always a good idea!


Mittwoch, 10.05.23 – Ein wenig Kultur

Pen y Pass am Morgen (und schon nach dem Regen)

Der Blick aus dem Fenster sagt: alles richtig gemacht! Es regnet und die Berge verstecken sich hinter grauen Gardinen. Dumm nur, dass ich meine Rückfahrt nach Hereford schon vorgebucht hatte und weder stornieren noch umbuchen kann. Also schreibe ich über das YHA-Wifi erst einmal in aller Ruhe meinen Blog. Dann fahre ich mit dem nächsten Bus wieder nach Bangor zurück, wo ich mich jetzt bis 7 Uhr abends amüsieren darf. Und das geht dann so:

  1. Besuch der Kathedrale. Interessantestes Detail: ein Kirchenfenster mit einem Moses mit zwei Hörnern. Moses als Teufel? Tatsächlich wohl ein Missverständnis des 12. Jh.: In der englischen Übersetzung von Exodus 34.30 heißt es: „his face was radiant“. Gemeint war „like a halo“. Der Künstler hat es aber wohl als „horned“ interpretiert. Spricht nicht ganz für sein biblisches Verständnis, oder? 😊
  2. Mittagessen (Rucksackproviant) am Hafen
  3. Kaffeetrinken über gut zwei Stunden mit Wifi
  4. ein Bier trinken, ebenfalls mit Wifi: nochmal eine Stunde
  5. bei Lidl (gibt’s auch in Bangor) ein wenig Süßkram für die Weiterfahrt einkaufen
  6. und noch eine halbe Stunde am Bahnhof warten.

Was davon jetzt mit Kultur zu tun hat, sei der Interpretation jedes Einzelnen anheim gestellt! Hier aber noch ein paar Fotos:

Donnerstag, 11.05.23

Wieder zurück bei Jane und Adrian fahre ich nach insgesamt drei Tagen mit zwiespältigen Gefühlen weiter: einerseits freue ich mich darüber, wieder auf dem Rad zu sitzen, andererseits ist es immer schwer, sich von Freunden zu verabschieden. Aber wenn ich John o’Groats noch erreichen will, muss es wohl sein!

St. Johns in Llanwarne

Das Wetter ist viel besser als in der Vorhersage angekündigt: die Sonne scheint aus blauem Himmel, an dem sich weiße Watteballen festhalten.

Herefordshire ist grün und stellenweise gelb: der Raps blüht. Es ist ruhig und außer Vogelgezwitscher und krächzenden Fasanen höre ich nichts. Die Luft ist klar und kalt. So schließe ich bergab den Reißverschluss meines Trikots, weil mich der Fahrtwind auskühlt, bergauf öffne ich ihn dann wieder, weil ich schwitze. Ein paar B-Straßen lassen sich auf dem Weg nach Hereford nicht vermeiden, was übrigens nicht heißt, dass die Qualität zunimmt, sondern lediglich der Verkehr.

Aber dann geht es auf hervorragenden Radwegen nach Hereford hinein. In der Fußgängerzone macht ein Straßenmusiker mit Gitarre, Verstärker, Keyboard und Loop-Pedal verdammt gute Musiker. Nur leider bleibt niemand stehen und hört zu. Verdient hätte er es auf jeden Fall, weshalb ich ihn hier auch verlinke.

Ich fahre nach Norden aus Hereford heraus und anschließend in wunderbarer Leichtigkeit durch die offene Landschaft. Auch hier geht es zwar immer wieder auf und ab, jedoch sind die Steigungen viel gemäßigter als in Cornwall. Nordöstlich von Leominster lockt ein Café direkt am Straßenrand. Kann man da widerstehen? Ich nicht. Wie sagte schon Oscar Wilde: „Ich kann jeder Versuchung widerstehen – außer der Versuchung!“

Ziemlich viele Insekten schwirren heute durch die Gegend, was ja grundsätzlich für ein ganz gesundes Ökosystem spricht. Ich fühle mich dabei allerdings an den alten Witz von dem freundlichen Motorradfahrer erinnert, den man an den Fliegen zwischen den Zähnen erkennt. Gilt auch für Radfahrer (und natürlich nur noch für Motorradfahrer ohne Integralhelm, wie gesagt: ist ein alter Witz).

Am späten Nachmittag wird es schwül, Gewitter ziehen auf. Erste Donner sind schon zu hören. Aber offenbar habe ich Glück und das Gewitter zieht vor mir durch und bleibt dann westlich von mir. Hinter der Gewitterfront wird es allerdings wieder kalt und der Wind dreht auf Norden, so dass ich Windjacke und sogar die Handschuhe aus dem Gepäck hole.

Schließlich ist es Zeit, nach einer Unterkunft Ausschau zu halten. Nachdem ich mir am ersten Haus, an dem ich mich nach einer Zeltmöglichkeit erkundige, eine Abfuhr hole, spreche ich eine ältere Frau an, die offenbar „noch eine Runde um den Block“ geht, was hier eher „um die Felder“ bedeutet. Mary, so stellt sie sich nachher vor, empfiehlt mir, am nahe gelegenen Broncroft Castle zu fragen. Da gäbe es viele Wiesen drumherum. Und wenn ich da nicht erfolgreich wäre könnte ich bei ihr im Garten zelten.

Ich frage also an der Burg. Der Burgherr wirkt zunächst misstrauisch, holt aber schließlich seine Frau. Die erklärt mir, er hatte wohl befürchtet, ich wäre nicht allein und es kämen noch vier oder fünf andere. Tatsächlich zeigt sie mir dann eine gerade unbeweidete Wiese, die ich zum Zelten nutzen kann und füllt mir außerdem noch meine Wasserflaschen auf. Der Platz ist echt idyllisch, auch wenn es mir fast leid tut dass ich nicht auf Marys Angebot eingehen kann.

Time:
11.5.2023, 11:45:
Duration:
08:34:09
Ascent/Descent:
1085 m 1044 m
Distance:
81.12 km

Freitag, 12.05.23

Ich verlasse Broncroft Castle oder besser gesagt einen seiner Weidegründe und fahre durch Shropshire, das sich als erstaunlich wellig entpuppt. Gegenwind habe ich auch noch, aber kein Vergleich zu dem in Cornwall. Ansonsten sieht es ähnlich aus wie in Herefordshire: grüne Weiden, dazwischen gelber Raps und Baumgruppen, vereinzelte Häuser und immer wieder Schafe und Kühe.

Insgesamt läuft es heute nicht so rund. Ich habe letzte Nacht nicht besonders gut geschlafen und mache wohl auch deswegen zwischendurch immer wieder Pausen. Ist aber auch nicht weiter schlimm, ich werde so oder so morgen in Chester sein, wo ich mich über warmshowers einquartiert habe.

Die erste von vielen Pausen heute

Ich fahre nach Shrewsbury hinein, dem Geburtsort von Charles Darwin. Eigentlich liegt es ja abseits meines Weges, aber prinzipiell habe ich Zeit genug. Die Fahrt dahin an der B 4380 ist zwar nicht so spaßig, aber immerhin gibt es einen separaten, durch einen Bordstein abgesetzten Fuß- und Radweg.

Shrewsbury liegt auf einem Hügel, der vom Fluss Severn fast vollständig umflossen wird. Der viele Verkehr in den schmalen Straßen nimmt dem Ganzen jedoch den Reiz. Und selbst im Innenhof von Shrewsbury Castle parken Autos.

Aus der Stadt heraus fahre ich wesentlich angenehmer als hinein, nämlich erst ein kurzes Stück am Severn entlang und dann am Shrewsbury Canal. Trotz langer Mittagspause fühle ich mich weiterhin angestrengt. Der Wind, meistens von vorne, ist heute zermürbend. Weit werde ich jedenfalls nicht mehr fahren.

In Shawberry gibt es ein günstiges B&B, das Old Schoolhouse. Es ist leider ausgebucht. Als die Vermieterin mein LEJOG-Trikot sieht, wird sie direkt gesprächig, erzählt, dass sie nächste Woche "coast to coast" fährt (170 Meilen in drei Tagen) und vermittelt mir dann eine Unterkunft im Old Rectory in Wem. Zwar etwas abseits meines Weges, lässt sich aber gut in die Route einbauen. Das B&B wirkt erstaunlich edel, aber die Preisklasse stimmt. Ich freue mich jedenfalls auf eine erholsame Nacht!

Time:
12.5.2023, 10:39:
Duration:
07:52:38
Ascent/Descent:
698 m 770 m
Distance:
68.96 km
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Parr
Parr
1 Jahr zuvor

Lovely photos Tommi. Glad you’re good progress.