Auf den Spuren von Kohle und Erz

Gegen Ende des 19. Jh. wurde die Vennbahn gebaut und verband die damaligen Industriezentren Aachen-Rothe Erde und Luxemburg. Kohle aus dem Aachener Steinkohlerevier wurde nach Luxemburg transportiert, in der Gegenrichtung gelangte Luxemburgisches Eisenerz zur Verhüttung nach Aachen und Eschweiler. Außerdem erschloss die Bahn die strukturschwache Eifel und bot eine Fahrtmöglichkeit zu den Arbeitsplätzen der Aachener Industrieregion.

Im ersten Weltkrieg wurde sie zudem als Aufmarsch- und Nachschubstrecke für die deutsche Westfront genutzt. Beinahe zwangsläufig kam sie danach unter belgische Verwaltung, was kurioser Weise zur Bildung einiger deutscher Exklaven führte, die nun zwischen belgischem Staatsgebiet im Westen und belgischem Hoheitsgebiet, nämlich der Vennbahntrasse im Osten lagen.

Nach dem zweiten Weltkrieg, in der durch die Ardennenoffensive zahlreiche Tunnel und Brücken zerstört wurden, wurde sie nur schleppend und unvollständig wieder aufgebaut; durch nachlassende Auslastung erfolgte in den folgenden Jahrzehnten eine sukzessive und 1989 dann die vollständige Auflassung der Güterverkehrsstrecke. 12 weitere Jahre wurde ein Teil der Strecke noch als Museumsbahn betrieben, musste aber 2001 eingestellt werden, da die fällige Erneuerung des Gleisbetts zu teuer geworden wäre.

Glück für uns Radler (und Wanderer und Inline-Skater), da anschließend mit EU-Fördermitteln und unter Beteiligung der betroffenen Länder und Gemeinden die Trasse in einen länderübergreifenden Fernradweg umgewandelt wurde, der 2013 vollständig fertiggestellt war.

Die inaktive Zeit mit vielen Weihnachtsplätzchen und Schoko-Ostereiern drückt gegen den Hosenbund. Und auch die Pollen der letzten Wochen haben dazu beigetragen, dass ich mich etwas außer Form fühle. Aber was noch nicht ist, kann ja wieder werden.

Ab dem Startpunkt auf 140 m Höhe in Aachen zeigen mir große quadratische Schilder jeden halben bis ganzen Kilometer an, wie weit ich bereits gefahren bin – und erinnern mich daran, wie weit ich noch fahren muss. Obwohl: will ist natürlich eigentlich das passendere Wort! Es geht stetig, aber moderat bergauf. Alte Bahnhofsgebäude und ausrangierte Loks und Waggons finden sich alle paar Kilometer, erinnern an die Geschichte der Vennbahn und verbreiten einen morbiden Charme. Auch die Gleise sind stellenweise noch vorhanden, der Radweg verläuft dann parallel dazu, übrigens immer asphaltiert und immer in bestem Zustand. Dieser Weg macht Spaß, ist absolut familienfreundlich und erstaunlich bevölkert – schließlich ist es Montag!

Bald erscheint die Landschaft karger und erinnert daran, wie hart das Auskommen in den Eifeler Hochlagen im 19. Jh. war, bevor die Vennbahn kam und nicht nur Zubringer zur Aachener Industrie wurde, sondern wie z. B. in Lammersdorf auch Touristen brachten. Auf über 500 m Höhe führt die Strecke am Hohen Venn entlang, Moorlandschaften mit teils trockenen, teils sumpfigen Wiesen und Birken bestimmen das Bild. An Monschau vorbei, das unsichtbar unten im Rurtal liegen bleibt, tauchen bei Kalterherberg wilde Narzissen ihre grünen Wiesen in ein gelbes Blütenmeer, durchzogen von den unregelmäßigen Mäandern der jungen Rur.

Alle paar Kilometer gibt es überdachte, oft in Waggonform gestaltete Schutzhütten. So bin ich zuversichtlich, eine trockene Unterkunft für die Nacht zu finden – ich habe mir vorgenommen, auf dieser Tour draußen zu schlafen, aber nass werden möchte ich natürlich nicht und es nicht sicher, ob es nicht doch in der Nacht regnet. Kurz vor Waimes sehe ich mal wieder eine diesmal recht große Schutzhütte, aber noch ist es zu früh. In Waimes genehmige ich mir eine Portion Fritten und ein Bier (das hier ist Belgien!) und halte danach Ausschau nach einer Unterkunft, aber es ist wie verhext: auf einmal kommt keine einzige Hütte mehr. Dafür geht es wunderbar bergab. Hinter Malmedy schaue ich auf die Karte. Malmedy? Das liegt doch gar nicht an der Vennbahn, sondern weit westlich davon! Erschreckt stelle ich fest, dass ich irgendwo den Weg verpasst habe und der beste Weg zurück der ist, den ich gekommen bin. Bergauf. Mittlerweile dämmert es, und wetteronline sagt für Malmedy in den nächsten 90 Minuten einsetzenden Regen voraus. Na super!

Ich muss weit zurückfahren (11 km?, 16?), bis ich den Abzweig finde, den ich übersehen habe – er liegt genau an der großen Schutzhütte vor Waimes – mein Bier lag also schon abseits des Weges! Und hier bleibe ich jetzt, müde und mit schmerzenden Beinen, aber zum Glück trocken.

Belgien!

Nach einer kalten Nacht fahre ich mit Handschuhen, Pulli unter der Jacke und Buff auf dem Kopf weiter und komme hinter Ondeval durch gepflegte, sauber eingezäunte Wiesen voller Pferde. Ich bin hier bereits in den nördlichen Ardennen, die Landschaft wird weit, alle Straßen sind weit weg, nur Vogelgezwitscher begleitet mich durch ein Feuchtheidebiotop, das Quellgebiet der Emmels. Glockenheide, Arnika, Wollgras und Lungenenzian blühen hier – sagen die Informationstafeln, die am Wegrand stehen. Auch die Bekassine soll hier brüten!

In Steineberg verlasse ich den Vennbahn-Radweg, der mich noch bis Troisvierges führen würde. Von dort aus müsste ich aber denselben Weg zurück, um durch die Eifel nach Hause zu radeln. So nehme ich nun den Eifel-Ardennen-Radweg zunächst durch das Ourtal und dann durch das schöne Alfbachtal, bevor es langweiliger, weil immer geradeaus nach Prüm geht. Ich finde einen schönen Nachtplatz oberhalb von Gerolstein.

Biberfraß! Der Baum ist auf der Wegseite angenagt! Gut, dass es nicht gerade stürmt!
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Andreas Keller
Andreas Keller
3 Jahre zuvor

Hallo Thomas, schöne Grüße aus Hannover!
Andreas