Donnerstag, 4. Juni 2026
„Heavy rain today“ sagt der norwegische Wetterdienst YR, der mir in den Pyrenäen gute Dienste geleistet hatte, aber hier immer eindeutig zu pessimistisch ist. Da halte ich es lieber mit Wetteronline, wonach es nur einzelne Schauer geben soll. Und selbst die sind auf dem Satellitenbild kaum nachvollziehbar.
Nichtsdestoweniger sind die Straßen vom nächtlichen Regen noch nass und in den Bergen hängen Wolken, als ich nach 8 Uhr losfahre.
Ich bin noch in den Vororten von Tetovo, da drosselt ein Auto neben mir sein Tempo und durch das geöffnete Beifahrerfenster ruft der Fahrer „Du kommst aus Deutschland? Wie geht’s?“ – „Danke, gut!“ – “ Woher kommst Du?“ – „Aus Bonn“ – Daumen hoch und fährt weiter. In dem Moment reißen auch die Wolken auf – der Tag ist schon gerettet, kaum dass er begonnen hat!

Keine Stunde nach dem Start lockt der erste Kaffee. Schließlich habe ich noch ein paar Denare, die ich nach der Grenze nicht mehr loswerden kann. Der Besitzer ist gebürtiger Albaner und spricht perfekt Deutsch. Kein Wunder, er ist in Deutschland zur Schule gegangen und hat 30 Jahre dort gelebt. Mein Kaffee ist schneller getrunken als das Gespräch ein Ende findet.

Mit dem nächtlichen Regen und der zumindest zeitweiligen Sonne wird es schwül.
Nach 25 km der nächste Kaffee 😄 Der Vorteil dabei ist: es gibt immer ein Glas Wasser dazu – das streckt auch meine eigenen Wasservorräte.
Und auf einmal bin ich im
Kosovo

Das Kosovo politisch einzuordnen, ist nicht leicht. Während es in Titos Jugoslawien eine autonome Region darstellte, wurde es nach dem Kosovokrieg von 1999 zu einer Teilregion Serbiens. 2008 erklärte das kosovarische Parlament die Unabhängigkeit, die von gut 120 (von 193) Mitgliedsstaaten der UN anerkannt wird, darunter die meisten Staaten Europas. Zu denjenigen, die das Kosovo nicht als unabhängigen Staat anerkennen, gehört neben Serbien, Russland und China auch Spanien, vermutlich, um den Unabhängigkeitsbewegungen im eigenen Land (Katalonien, Baskenland) keinen Auftrieb zu geben.
Von Reisen in die Grenzregion zu Serbien wurde vom Auswärtigen Amt im letzten Jahr noch abgeraten, das Nord-Kosovo wird mittlerweile aber wieder als sicher eingestuft. Ich will ohnehin vorher nach Westen abbiegen, um zu meinem Ausgangspunkt in Albanien zurückzukehren.
Und wie beschreibt die TransDinarica-Website das Kosovo?
Unglaubliche Landschaften, fantastisches Essen und eine gastfreundliche Kultur vereinen sich hier auf diesem verlockenden, rauen Landstrich an der Schnittstelle zwischen den Dinarischen Alpen und dem Sharr-Gebirge.
Im Kosovo erwarten mich gut 200 Kilometer Strecke mit 3.500 Höhenmetern.


Das Kosovo begrüßt mich mit aufgefrästem Asphalt und stellenweise Schotter. Das wird für die nächsten 18 Kilometer auch so bleiben.


Nun geht es hoch in die Berge am Rand des Šar-Nationalparks. Leider ist auch hier die Straße wieder mit Abfallbergen „gesegnet“. Offenbar ist diese Art der Müll“entsorgung“ auf dem Balkan die übliche. Traurig!

Als ich an einem Aussichtspunkt stehen bleibe, hält auch Mike aus Weilheim mit seinem Motorrad an. Er ist ebenfalls alleine unterwegs, hat aber „nur“ sechs Wochen Zeit, wie er sagt, die er auf dem Balkan und bis Griechenland hinunter verbringt. Dabei sitzt er auch nicht täglich auf dem Bock, sondern streut immer wieder Sightseeing-Tage und Wanderungen ein. Nach kurzer, netter Unterhaltung zweier Alleinreisender, die beide ein gewisses Redebedürfnis haben, fahren wir weiter, jeweils in die andere Richtung.

Kurz vor Eins komme ich in einen dichten Sprühregen, obwohl ich vor mir blaue Löcher in den Wolken sehe. Und tatsächlich: nach einer Viertelstunde ist schon alles vorbei. Trotzdem gut, dass ich den Anorak angezogen habe, denn der ist jetzt nass.

Wenn landschaftlich heute auch nicht mehr viel passiert und die Route leider viel auf der Straße verläuft, fällt eins doch auf: mehrfach sehe ich UÇK-Gedenkstätten. Im Westen eher als Terrorgruppe gesehen, sind die paramilitärische Einheiten, die die Loslösung des Kosovo von Serbien vorangetrieben haben, für die albanischstämmige Bevölkerung Freiheitskämpfer, die entsprechend verehrt werden. Kann man wohl irgendwie mit der IRA in Nordirland oder der ETA im Baskenland vergleichen.



Interessant ist aber auch, was die Wikipedia über die 1999 erfolgte Auflösung der UÇK schreibt:
Die Mitglieder der UÇK traten in der Folge in das Kosovo-Schutzkorps ein, gingen zur Polizei, in die Politik, die Wirtschaft, wandten sich dem organisierten Verbrechen zu oder zogen sich ins Privatleben zurück. Die einzelnen Tätigkeitsfelder sind dabei nicht als strikt voneinander getrennt zu begreifen.
Ah, ja!

Fazit des heutigen Tages: eine der weniger interessanten Etappen: zuviel Baustelle, zuviel Straße. Wie schön, dass ich schon am Morgen so positiv eingestimmt wurde!
Time: 4.6.2026, 08:28:2 |
Duration: 04:35:35 |
Ascent/Descent: | Distance: 70.67 km |
Der Müll am Straßenrand ist traurig. War in Griechenland in den 80ern ähnlich. Diese Unsitte wächst erst mit ein oder zwei Generationen aus der Gesellschaft heraus.
Bei deiner Bemerkung zum Kaffee fiel mir wieder ein Zitat ein…
„Das Glas Wasser … überall sah ich das Glas Wasser. Es wurde zu einer Besessenheit, Wasser wurde für mich etwas Neues, ein wesentliches Lebenselement.“
(Henry Miller)
Und dennoch war es wieder ein Tag mit positiven Erfahrungen. . Egal wie schön oder weniger schön die Etappe war.