Vom Šar-Gebirge zu den Dinarischen Alpen

Freitag, 05. Juni 2026

Die Route bleibt vorerst auf der Straße, auf der aber Richtung Prevalla-Pass im Gegensatz zu gestern im Tal kaum Verkehr ist. Überhaupt beginnt der Tag versöhnlich. Die Sonne scheint, ich fahre unter einem von kleinen Wattebäuschen betupften blauen Himmel den schneebedeckten Bergen des Šar-Nationalparks entgegen, während unter mir der Fluss rauscht, dessen Tal ich hochfahre. Das hat schon was!

11 km lang ist der Anstieg. Auf halber Höhe mache ich Pause und schiebe mir mit einem kleinen Halva-Riegel mal eben 220 kcal rein. Konzentrierte Energie!

In Prevallë angekommen, wundere ich mich, dass auf der Straße so wenig los war. Dieser Pass hier braucht den Vergleich mit beliebten Alpenpässen nicht zu scheuen. Ein großer Parkplatz voller Busse und Autos, Ferienhäuser, Verkaufsstände, Bars, Restaurants und eine große Liegewiese erstrecken sich beidseitig der Passhöhe. Zugegeben, das Angebot eines Kaffees und einer Limo nehme ich auch gerne an.

Und dann heißt es wieder anziehen: Helm auf, Windjacke an, denn nun geht’s bergab.

Auf der Abfahrt kommt mir ein anderer Radler entgegen, ein Spanier, der noch bis in die Türkei will. Und dann: mal sehen! Er empfiehlt mir ein Guesthouse in Gjakova, ich ihm mein Motel von letzter Nacht in Brezovica.

Dann geht es weiter. Das Tal geht kurz vor Prizren in eine fantastische Schlucht über, die der Lumbardhi hier gegraben hat.

Prizren ist trubelig, der Muezzin besonders laut und der Burek (mit Käse) extrem lecker. Aber eigentlich ist mir das alles zu städtisch. Da auch gerade erst Mittag ist, fahre ich weiter.

Der Verkehr in Prizren ist reichlich chaotisch. Aber mit genügend Selbstbewusstsein bei gleichzeitig defensiver Fahrweise schaffe ich es heil wieder aus der Stadt heraus.

Es ist schwül, höhere Geschwindigkeit, sofern möglich, wegen des Fahrtwinds deshalb gerne genommen. Bei einer kurzen Abfahrt mit einer heftigen Bodenwelle, die ich nicht mehr rechtzeitig ausbremsen konnte, höre ich es plötzlich hinter mir klappern. Was ist denn da vom Rad gefallen? Ich halte an und sehe mit Schrecken, das es meine kleine Gimbal-Kamera ist, die eigentlich in der Lenkertasche steckte, jetzt aber hinter mir her rollt, den Kopf verdreht, der Schutz ein paar Meter dahinter. Au weia! Das Display ist noch ganz, zeigt aber eine Fehlermeldung. Ich mache die Kamera aus und tatsächlich dreht sie den Gimbal ein. Ich mache sie wieder an und sie dreht ihn in Position. Kurzer Funktionstest: alles ok! Mann, ist die Kleine robust!

Ich fahre durch eine Ebene zwischen dem Šar-Gebirge und den Dinarischen Alpen, leider nun wieder auf einer Straße mit einigermaßen Verkehr. Ich überquere die weiße Drina, die weiter westlich das albanische Fierza-Reservoir speist und fahre dann parallel zu ihr. Und auch hier sehr ich immer wieder Müllhalden, die bis ans Wasser reichen.

Die weiße Drina

An einem schattigen Tisch vor einer Bar muss ich mich nochmal dopen und trinke einen weiteren Espresso, der mir von einem jungen Mann, der kaum Englisch, noch Deutsch kann, serviert wird. Auf die Frage, was ich bezahlen soll, winkt er ab und sagt nur „respect“. Wow!

Die letzten Kilometer vor Gjakova verlaufen dann wieder auf einer Hauptverkehrsstraße. Ohne Randstreifen, dafür immer wieder mit tiefen Schlaglöchern am Rand. Das ist alles andere als vergnügungssteuerpflichtig. Ein Lichtblick immerhin: die aus dem 15. Jhd. stammende Terzi-Brücke, die in den 1980er-Jahren restauriert wurde. Natürlich wird sie vom Lärm der parallel verlaufenden neuen Straßenbrücke überwältigt, aber das sieht man ja auf den Fotos nicht 😉

Auch Gjakova ist mir zu „urban“, vor allem, was die Verteilung der Verkehrsflächen angeht: das Auto geht über alles, Motorräder knattern infernalisch laut, alle anderen können sehen, wo sie bleiben. Immerhin werden Zebrastreifen akzeptiert – sofern man die selbstbewusst genug benutzt.

Ich checke im empfohlenen Guesthouse ein.

Mein Garmin behauptet, ich hätte heute über 4.000 kcal verbraucht. Am Abend esse ich eine große Portion Nudeln, der fleischlastigen Balkanküche bin ich ohnehin mittlerweile überdrüssig.

Time:
5.6.2026, 08:56:2
Duration:
04:21:25
Ascent/Descent:
866 m 1390 m
Distance:
81.06 km

Eine Antwort auf „Vom Šar-Gebirge zu den Dinarischen Alpen“

  1. Herrliche Landschaft! Und die guten alten Steinbogenbrücken waren nie nach nur 60 Jahren marode. Lass dich durch den Verkehr nicht allzusehr stören. Vielleicht wird’s morgen wieder angenehmer.
    VG, Viktor

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