Und immer sind es 10%

Montag, 25. Mai 2026

Welch eine Idylle! Ich sitze hier mitten im Vogelgezwitscher in der grünsten aller Mittelgebirgslandschaften, während ich auf mein Frühstück warte. Das dauert zwar, aber eilig habe ich es nicht. Die heutige Etappe ist eine „for those cyclists with tired legs“, wie mir mein Navigation Pack offenbart. Nur 35 km und 466 Höhenmeter. Also viel Zeit zum Genießen.

3 km fahre ich durch ein wunderschönes grünes Flusstal ohne Autoverkehr, bis ich nach links Richtung Borove über den Berg muss. Am Beginn der Auffahrt liegt das Trofta Borove, ein Fischrestaurant, wo man fangfrische Forelle essen kann. Wäre es nicht so früh, würde das bestimmt einen Stopp lohnen.

Das Trofta Borove

Und dann steilt sich die Straße schon auf. Da ich sie für mich alleine habe, nutze ich die ganze Fahrbahnbreite, um Kehren zu fahren und so die Anstrengung zu reduzieren.

In Albanien sind übrigens alle Steigungen gleich steil und gleich lang: immer sind es 10% für die nächsten 500 Meter. Und wenn das nicht reicht, gibt es eben nochmal 10% auf 500m. Die Verkehrsschilder-Produktion ist offenbar von McKinsey oder Deloitte optimiert worden! 😎

300 Höhenmeter, Dutzende Kehren, etliche 10%-Schilder und einige Fotostopps später bin ich auf der Höhe und treffe einen Schafhirten, der im Schatten sitzt, derweil seine Herde auf der anderen Straßenseite grast. Dank Google kommen wir ins „Gespräch“ und ich darf ein Foto von ihm machen – aber nur mit seiner Herde!

Der Schäfer und seine Herde

So, und dann war es das auch schon fast mit den Höhenmetern heute. Jetzt geht es bergab und ich ziehe wieder den Helm auf den Kopf.

Aber nicht lange und er kommt schon wieder runter, denn es gibt einen Kaffee – selbst in der unscheinbarsten Bar bekommt man hier in der Regel wirklich guten.

Da fallen mir Angelika und Uli auf ihrer Yacht ein, die nicht mal eben rechts ran fahren und einen Kaffee trinken gehen können. Die müssen sich den schon selber machen. 😄

Nun geht es eine fantastische Schlucht hinunter. Während ich mich von meiner Drohne verfolgen lasse, schrecken wir beim Anhalten einen Hund auf, der diese überdimensionierte Hornisse heftig verbellt.

Wenn nicht gerade meine Hornisse sirrt oder – selten genug – ein Auto kommt, hört man hier bis auf das Zwitschern von Amsel, Mönchsgrasmücke, Nachtigall und Sperling (sagt meine Birdnet-App) wieder nichts. Mein Gott, ist das herrlich!

Um halb eins mal wieder eine Bar am Straßenrand mit bequemen Stühlen (worauf Senioren so alles achten!) und dank großzügiger Überdachung schattig. Prima für eine Limo!

Und keine drei Kilometer weiter ein Restaurant. Es ist Mittagszeit. Passt! Eine sehr angenehme Etappe heute, nicht lang, die Steigung gleich am Anfang, dann nur Abfahrt in herrlichster Landschaft, Zeit genug für Pausen. So lässt sich’s leben!

Nur wird der schöne Eindruck leider wieder getrübt von dem vielen Zigarettenrauch, dem ich hier ausgesetzt bin oder dem Passat Diesel, dessen Motor weiterläuft, weil der Fahrer „nur mal eben“ etwas holen will, was dann leicht mal fünf Minuten dauert.

Die positive Überraschung ist dann wieder die Rechnung: 5 Euro für das Mittagessen inkl. Espresso!

In Librazhd habe ich zwei Hotels zur Auswahl ich schaue mir erst das Hotel Scura an, aber ich werde nicht so richtig warm damit und fahre weiter zum Home 12. Das wiederum flasht mich total. Es ist eine Mischung aus Hotel (Einzel- und Doppelzimmer) und Hostel (großzügiger Gemeinschaftsbereich), dabei ist es unglaublich geschmackvoll eingerichtet, großzügig, ruhig und nur 5 € teurer als das andere Hotel. Hier bleibe ich.

Am Nachmittag streune ich durch den Ort am Rande des Shebenik-Jabllanica Nationalparks. Mit seiner kleinen Fußgängerzone wirkt er ganz entspannt. Ich suche ein Café, also eins, wo es auch Kuchen gibt (ist in Albanien eher eher selten), finde eines, das bei Google einen guten Eindruck macht, aber leider dröhnt laute Musik. Immerhin gibt es auch Eiscreme zum Mitnehmen, das passt ohnehin gerade viel besser (es ist 26 Grad und schwül), gedämpft nur vom leichten NW-Wind, der angenehm kühlend die Haut streichelt.

Auch morgen soll es warm werden. Außerdem habe ich wieder eine längere Etappe vor mir: 75 km mit 1.200 Hm. Und das zum Teil auch noch über verkehrsreichere Straßen, denn es geht über die Grenze nach Nord-Mazedonien. Am Tagesziel, in Ohrid, werde ich dann einen Pausentag einlegen.

Blöderweise habe ich beim Abnehmen meines Gepäcks mein Garmin nicht ausgeschaltet und in die Hosentasche gesteckt und dabei habe ich es irgendwie geschafft, die Routenaufzeichnung von heute zu löschen. So gibt es also stattdessen den offiziellen Track, aber genau den bin ich ja auch gefahren. Ich sehe nur gerade, dass die Höhen verdoppelt sind. Also einfach halbieren, dann stimmt’s!

Ascent/Descent:
1004 m 1612 m
Distance:
35.28 km

Eine Antwort auf „Und immer sind es 10%“

  1. Das war ja eine richtig entspannte Etappe heute. Lass dir durch die Raucher nicht den Genuß verderben, das gehört auf dem Balkan halt dazu.
    Der Ohrid-See ist was ganz besonderes, aber wie ich dich kenne, bist ja du vorab bestimmt gut informiert.
    viel Spaß morgen mit 75 km mit 1.200 Hm. Ich leide jetzt schon mit dir…

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