Staumauern, Hochspannungsleitungen und einsame Berge

Auf dem Sentiero dei Laghetti

Prolog (So, 29. 9. 2019)

Dieses Jahr holt Leo mich in Heilbronn ab, wo S(w)inging Chariot, der Gospelchor, in dem ich seit über 20 Jahren singe, ein gemeinsames Wochenende auf Einladung der Groovin Foxes aus Beilstein verbrachte und nun mit einem BuGa-Besuch beendet. Den vorbereiteten Wanderrucksack packe ich von Stephans Auto in Leos um und wir starten nach Süden. Uta, Stephan und Judith fahren zurück nach Bonn. Eine halbe Stunde sind wir bereits auf der Autobahn, als mir einfällt, dass meine Stöcke noch in Stephans Auto liegen und – viel schlimmer – meine Wanderschuhe auch! Ich telefoniere mit Uta und nach einer kurzen Rücksprache mit Stephan drehen sie um. Wir auch. Eine weitere halbe Stunde später verabschieden wir uns erneut.

Das fängt ja mal wieder gut an!

Viele Staus später – es ist längst dunkel – kommen wir in Bedretto an, zusammen mit zwei weiteren sind wir die letzten Gäste der Osteria Lucendro. Die sehr netten Wirtsleute schließen, da ihnen die Pacht deutlich erhöht wurde. Die Eigentümerin ist übrigens die Tante des Pächters!

gemütlicher Tourbeginn in der Osteria Lucendro in Bedretto

Mo, 30. 9. 2019

Wir fahren ein paar Kilometer das Tal hinauf und stellen das Auto in All’Acqua ab. Zunächst durch Misch-, dann durch Nadelwald mit einigen Fichten- und Lärchen-Methusalems steigen wir nach San Giacomo auf, ein Weiler mit zwei Häusern und einer kleinen Pilgerkapelle aus dem 15. Jh., die von Pilgern auf dem Weg vom Formazzatal zum Gotthard-Pass genutzt wurde.

Gut vier Jahrhunderte jünger sind ganz andere Bauten, die man hier oben findet: Bunker und Maschinengewehrstellungen, die als Verteidungsanlagen gebaut wurden, nachdem 1929 aus dem italienischen Formazzatal eine Straße auf den San-Giacomo-Pass gebaut wurde, von wo aus das Bedrettotal und der Gotthard-Pass für italienische Artillerie erreichbar gewesen wären. Diese alte Militärstraße führt uns nun entlang des Lago Toggia, eines Stausees, unterhalb dessen Staumauer das Rifugio Maria-Luisa liegt, das zu unserer Überraschung bereits geschlossen ist. Immerhin gibt es einen Winterraum – oder so etwas ähnliches. Ein Schild neben der Tür weist ihn als Skiraum aus und trifft es auch eher: die ganze Einrichtung besteht aus zwei Stockbetten mit durchhängenden Matratzen, die so aussehen, als gehörten sie eigentlich gar nicht hierhin. Kein Herd und kaum Platz, sich zu bewegen. Da bleibt wohl heute die Küche kalt! Es ist noch früh und wir verbringen den Nachmittag in der Sonne mit Staumauer, Wasserrohren und Hochspannungsleitungen. Eigentlich nennt sich die Runde, auf der wir unterwegs sind, ja „Trekking der Bergseen„. So langsam dämmert uns, dass das wohl ein Trekking der Stauseen wird.

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Di, 1. 10. 2019

Der Rücken schmerzt nach der Nacht in dem durchgelegenen Bett. Unangenehm kalt war es auch, trotz zweier Decken. Morgens zeigt das Thermometer 8°C an – drinnen. Aber was heißt schon drinnen? Eigentlich ist dieser Skiraum nur eine Ecke im Steingebäude, die durch zwei Blechwände vom draussen getrennt ist – wo es auch nur zwei Grad kälter ist.

Wir laufen über die Staumauer und in einer Schleife zur Bocchetta di Valle Maggia, wo uns bereits die Wolken erwarten, die sich für den Abstieg zur Capanna Basòdino auf und um uns legen und auch die Steinböcke verstecken, die wir nur bemerken, weil sie unvorsichtigerweise ein paar Steine lostreten. Das architektonisch unpassende, turmförmige Albergo an der Staumauer (wieder eine!) des Lago di Robiei, hat noch geöffnet. Hier trinken wir einen Kaffee, bevor wir zur 10 Minuten unterhalb gelegenen Hütte absteigen, die ebenfalls noch geöffnet ist.

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Mi, 2. 10. 2019

War die erste Nacht zu kalt, war diese nun zu warm: dicke Decken, acht Leute im Lager und ein geschlossenes Fenster. Unterm Strich aber die deutlich angenehmere Variante!

Am Morgen steigen wir direkt hinter der Hütte steil auf und sehen die technisierte Landschaft in ihrer ganzen „Schönheit“: Seilbahnen, Staumauern, Hochspannungsleitungen. Als Kontrast zeigt sich immerhin der Basòdino mit seinem Rest-Gletscher. Eigentlich hatten wir ja der Seenrunde folgen wollen, haben aber irgendwie einen Abzweig verpasst und befinden uns nun auf dem direkten Weg zum Rifugio Poncione di Braga. Immerhin ein Weg, denn ein Blick auf die andere Talseite offenbart die Alternative als eine Asphaltstraße zum nächsten Stausee.

Wir machen einen Abstecher zum Lago Nero (kein Stausee!), wo wir eine längere Rast halten, bis von Norden her Wolken hereinziehen und uns leichtes Schneegrieseln weiter treibt. Auf dem Weg zur Bocchetta della Froda bleibt es kalt und zugig. Drei Steinböcke zeigen sich vom Wetter und auch von uns unbeeindruckt und lassen uns auf weniger als 20 Meter herankommen, bis sie uns gemächlich den Hintern zuwenden.

Hinter dem Joch geht es auf leicht geneigten Gletscherschliffen bequem bergab. Sonne (Jacke aus) wechselt mit Wolken und kaltem Wind (Jacke an). Für den Abstieg zur Hütte brauchen wir eigentlich viel zu lang, Leo geht heute sehr langsam. Hoffentlich liegt das am berüchtigten dritten Akklimatisationstag, die morgige Etappe wird wesentlich länger!

Auf der Poncione di Braga treffen wir Danielle und Thomas, ein schweizer Paar, mit dem wir einen netten Abend verbringen.

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Do, 3. 10. 2019

Leo ist heute wieder fit. Ich nicht. Ich habe nicht gut geschlafen (ob das eine Tour der merkwürdigen Nächte wird?). Die Einzelbetten sahen zwar komfortabel aus, hatten aber viel zu harte Matratzen, die sich anfühlten, als wären sie in der Mitte hochgewölbt und ich müsste links oder rechts herunterrutschen. Und wenn ich auch tatsächlich nicht vom Bett gerutscht bin, hat sich doch zumindest die Bettdecke redlich bemüht, auf dem glatten Seidenschlafsack abzurutschen.

Durch Lärchenwald steigen wir 700m steil ins Peccia-Tal ab. Der Seen-Rundweg geht von hier noch ein Stück das Tal hinauf und steigt dann rund 1.000m nach Osten zur Bocchetta di Pisone an, um von hier nochmals rund 1.100m nach Fusio hinunter zu gehen. Der Übergang nach Fusio sieht allerdings nicht so einladend aus und die Aussicht auf weitere viele Abstiegsmeter auch nicht. Wir ändern unseren Plan: Fusio fällt aus, wir laufen direkt zum Rif. Cristallina.

Von Norden fährt der Wind kalt das Tal hinunter, an Engstellen pfeift es dermaßen, dass wir uns vorkommen wie im Windkanal. Trotz uneingeschränkten Sonnenscheins ist es eisig, landschaftlich aber ein Genuß: wir laufen durch ein einsames Hochtal, in dem der Blick nur ab und an einer Alm hängen bleibt.

Was ist nur heute mit mir los? Ich fühle mich, als müsste ich meinen Rucksack unakklimatisiert auf einen Dreitausender schleppen. Nach Überschreitung des Passo del Sasso Nero erreichen wir den Lago del Narèt, natürlich wieder ein Stausee, aber diesmal ein sehr schöner. Vielleicht liegt das daran, dass die Staumauer einen ganzen Kilometer entfernt am anderen Ende des Sees liegt, der tiefblau den wolkenlosen Himmel reflektiert.

Von hier aus soll es eigentlich nur noch eine Stunde bis zur Hütte sein, aber dann zeigt ein Schild plötzlich 2 std 40 min an. Das muss doch ein anderer Weg sein! Ist es aber nicht, es gibt keinen anderen. Tatsächlich müssen wir erst wieder über einen Pass – den Passo del Narèt – dann ein gutes Stück absteigen und nochmals 300 Höhenmeter und rund 3,5 Kilometer bis zur Hütte, die oben auf dem Passo di Cristallina liegt. Ursprünglich war sie besagte 300 Höhenmeter tiefer gebaut worden. Aber nachdem sie zweimal von einer Lawine erwischt wurde (zuletzt 1999), hat man sie hier oben neu erbaut. Das noch-eine-Stunde-bis-zur-Hütte-Schild war wohl noch aus der Zeit davor.

Müde und kaputt (ich zumindest) kommen wir nach 10 Stunden auf der überraschender Weise ebenfalls noch bewirtschafteten Hütte an. Schon wieder können (müssen?) wir nicht kochen – so wird der Rucksack nie leichter!

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Fr, 4. 10. 2019

Endlich mal gut geschlafen – kein Wunder nach dem anstrengenden Tag gestern, der irdgendwie nicht meiner war. Da es ab dem Nachmittag Regen bzw. Schnee geben soll, wollen wir heute wieder nach All’Acqua absteigen. Dazu haben wir im Prinzip zwei Alternativen:
a) wir queren den (spaltenfreien) Valleggia-Gletscher und steigen dann weglos durch das Val Cavagnolo ab (Vorschlag von Thomas, dem Schweizer)
b) wir laufen auf der Via Idri südwärts an den Gipfeln von Cavagnolo und Grandinagia vorbei und wieder über den San-Giacomo-Pass zurück zum Auto.

Variante zwei ist deutlich länger, aber vermutlich schöner. Also los! Der Blick zum Basòdino ist frei, der Weg bleibt mehr oder weniger höhengleich am Hang und passiert kleine von wem auch immer aus Quarzbrocken gelegte Kunstwerke: Spiralen, Kreuze, Ying-Yang-Symbole und anderes. Vom letzten Schneefall ist in den Schattenlagen einiges zurückgeblieben. Mit der Zeit müssen wir immer länger nach der nächsten Markierung suchen, da manche unter dem Schnee versteckt liegen. Ein Wegtrasse gibt es auf diesem blau markierten Bergweg nicht unbedingt, Spuren auch nicht – die letzte Begehung ist wohl schon länger her. So dauert das zu lang, zumal von Nordwesten her auch schon Wolken aufziehen. So entscheiden wir uns für die dritte der beiden Varianten: wir gehen zurück zur Cristallina-Hütte und steigen von dort nach Ossasco ins Bedretto-Tal ab, wo unsere diesjährige Tour mit einem Autostop nach All’Acqua endet.

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Resumée

Marketing ist alles! „Trekking dei laghetti alpini“ klingt nach einer Aneinanderreihung von Bergseen und lässt Assoziationen von „Perlen der Alpen“ oder „Augen Gottes“ aufkommen, halt alles, was die Alpinliteratur bisher so poetisiert hat. Und tatsächlich gibt es viele Seen in dieser Gegend des nördlichen Tessin. Dass es sich zumeist um Stauseen handelt, wird dabei verschämt verschwiegen, genauso wie die vielen Hochspannungsleitungen, die die Täler und Pässe überqueren und den dort erzeugten Strom zu den Verbrauchern transportieren. Aber gut, Wasserkraft ist eine der umweltfreundlichsten Energieformen, da müssen auch wir akzeptieren, dass die irgendwoher kommt. Ein „Klar bin ich für umweltfreundliche Stromerzeugung, nur nicht vor meiner Haustür / in meinem Wandergebiet“ hilft da nicht weiter. Und wie zumindest der Lago del Narèt gezeigt hat, können auch Stauseen sehr schön sein – man muss ja nicht unter der Mauer stehen bleiben!

Am Lago Toggia
Eingespieltes Team!

Und hier nochmal der Gesamtüberblick:

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