Bydgoszcz / Bromberg

Nachdem ich gestern auf den Besuch der Stadt verzichtet habe, führt mich mein Weg heute zuerst einmal zur Tourist Info. Der junge Mann, den ich um ein paar Informationen frage, ist offenbar ein begeisterter Fan seiner Stadt. Jedenfalls bekomme ich eine Stadtführung par excellence, wenn auch nur verbal und mit dem Finger auf dem Stadtplan – Einführung in die polnische Geschichte inbegriffen. Dass ich heute noch nach Thorn weiter will, findet er offensichtlich schade. Nicht nur, weil es wohl eine alte Rivalität zwischen beiden Städten gibt – Bromberg war Sitz polnischer Könige, Thorn wurde von Rittern des Deutschen Ordens gegründet – sondern auch, weil Bydgoszcz selber einiges zu bieten hat. Ok, der Marktplatz gehört heute nicht dazu: er ist eine große Baustelle. Aber es gibt viele interessante Gebäude aus unterschiedlichen Zeiten, die sich in einem überschaubaren Zeitrahmen erlaufen lassen. Da sind z. B. die spätgotische Kathedrale mit ihrem in Rot-, Violett- und Goldtönen gehaltenen Innenraum und der wunderschönen Gewölbedecke, oder die Fachwerkspeicher an der Brahe, dem Fluss, der auch dem „Bromberger Venedig“ den etwas euphemistischen Namen gab. Schade, dass die schöne Markthalle nur zwei Trödelstände aufweist – hier fehlt eindeutig das Matkleben.

Das alte Bromberg

In der Kathedrale St. Martin und St. Nikolaus

Die Gewölbedecke der Kathedrale

Kornspeicher an der Brahe

Blick von der Mühleninsel auf die Oper

In der Długa (Langstraße)

Die Markthalle

Aber auch jenseits der Brahe gibt es viele schöne Gebäude, hauptsächlich aus dem 19. und 20. Jahrhundert, Jugendstil und Gründerzeit lassen grüßen. Schön stelle ich mir auch eine Stadtbesichtigung vom Wasser aus vor, die ich mir aus Zeitgründen erspare. Aber einen Gruß von Meister Twardowski, der jeden Tag um 13:13 und um 21:13 in einem Dachgeschoss-Fenster am Markt erscheint, hole ich mir dann doch noch ab. Pan Twardowski ist so etwas wie der polnische Faust, ein Adliger, der dem Teufel seine Seele für Macht, Einfluss und Ruhm verkaufte. Viele Städte in Polen erheben den Anspruch, dass er zumindest zeitweise in ihren Mauern gewohnt habe. Das gilt auch für Bydgoszcz.

modernistisches Kaufhaus von 1911

Hotel Adler im neobarocken Stil

Pan Twardowski

Nach meiner Runde hole ich mein Gepäck wieder im Tourist Office ab, wo ich es deponieren durfte und weise noch auf den Eurovelo 9 hin, in dessen Rahmen Bydgoszcz durchaus punkten könnte. Ich verstaue noch mein Gepäck am Rad, als der junge Mann nochmals aus dem Tourist Office gelaufen kommt, um mir eine Handvoll Sahnetoffees zu schenken – als Dankeschön für den Tipp und Gruß aus Bydgoszcz!

Ich bin noch nicht weit aus der Innenstadt heraus und stehe vor einer roten Ampel, als jemand „Guten Tag“ sagt. Ein älterer Mann fragt mich auf Deutsch, ob ich nach Thorn will. Wenn ich aber hier weiter führe, bekäme ich Probleme, über die Bahn zu kommen und er könne mir einen anderen Weg über Nebenstraßen bis zur Brücke über die Weichsel zeigen. Ich habe zwar mein Navi, aber das hat tatsächlich auch gestern schon einen Weg über die Bahn gezeigt, wo es keinen gab! Also warum nicht? Tadeus („hinten ohne z!“) ist 83 Jahre alt, hat als Dolmetscher gearbeitet und fährt auf seinem 3-Gang-Rad vor mir her als würde er nie etwas anderes tun. Und tatsächlich ist neben Schwimmen Radfahren sein täglicher Sport, wie er mir im Laufe unseres Weges erzählt, der uns dann auch noch gemeinsam über die Brücke hinaus bis zum Schloss Ostromecko fahren lässt.

Mit Tadeus auf der Weichsel-Brücke

Auf kleinen verkehrsarmen Nebenstraßen, meist asphaltiert und ohne viel Wind geht es jetzt Richtung Thorn – Radlerherz, was willst Du mehr! Außer vielleicht, dass es so bleibt. Aber plötzlich ist der Asphalt zu Ende und da merkt man, dass Polen ein großer Sandkasten ist. Da hilft nur: Lenker locker halten und kontrolliert, aber nicht zu langsam weiterfahren. Immerhin habe ich 5 cm breite Reifen, die stecken schon was weg. Aber auch die sind irgendwann am Ende und da hilft dann nur noch schieben. Zum Glück ist der asphaltfreie Zustand nach einem knappen Kilometer wieder vorbei und es läuft wieder.

Da lacht das Radlerherz!

… und hier nicht!

Thorn: das heißt wieder breite Einfallstraßen, sozialistische Wohnbauten – aber unsere 50er-Jahre Wohnsilos waren ja auch nicht besser! – und eine überraschende moderne Kirche. Aber dazu morgen mehr.

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Adam
Adam
2 Jahre zuvor

Schoener Bericht. Gruss aus Bromberg.