Mittwoch, 10. Juni 2026
Die Albaner haben Arbeitszeiten, da können deutsche Arbeitgeber nur von träumen! Noch bis Mitternacht wurde geteert inkl. rückwärts fahrender, also piepender LKW, was dazu führte, dass am Anfang der Nacht mal wieder die Ohropax zum Einsatz kamen. Ab 3:30 Uhr lieferten sich dann die Schwalben mit den Fröschen einen Wettstreit um die akustische Dominanz!
Am Morgen wieder ein üppiges Frühstück, wie es mich schon beim ersten Besuch im B&B Docaj überfordert hat. Und hier kommt fast alles aus dem eigenen Garten (gestern Abend sogar der Wein)!
Die erste Steigung kommt natürlich direkt danach, also auf vollen Magen und das gleich mit 9%, aber immerhin schockt mich das nicht mehr so wie zu Beginn meiner Tour. Die ersten 100 Höhenmeter sind so relativ schnell abgeritten.

Still und glatt liegt der See in der Morgensonne. So glatt wie – auch wenn das jetzt ein profaner Vergleich ist – der Asphalt, auf dem ich fahre. Vor drei Wochen war hier noch Schotter.




Um Zehn bin ich aus den Bergen raus, mit ihrem permanenten Wechsel aus schweißtreibenden Anstiegen (zehn, sagt mein Garmin) und fahrtwindgekühlten Abfahrten. Die erste Bar ist meine! Eine kalorienschwangere Limo zischt die Kehle hinab und natürlich folgt ein Kaffee – klar, auch mit Zucker!
In Vau i Dejës verführt mich eine größere Kirche zum Anhalten. Davor eine Statue von Mutter-Teresa, die albanischer Abstammung war und in Shkodër zur Schule ging. Es ist eine nach ihr benannte Kathedrale. Innen hell und freundlich und mit klaren Farben gestaltet.


Ich beobachte eine alte Frau im dunkelblauem, gestreiften Rock mit dunkelblauer, getupfter Bluse und dunkelblauem Kopftuch, wie sie vor der Statue stehen bleibt, sie ehrfürchtig mit Händen und Stirn berührt und dann mit ihren Einkaufstüten voller Brotlaibe zum Eingang der Kirche geht, sich bekreuzigt und dann weitergeht.
Kurz drauf bleibe ich in einem Dorf vor einem wunderschön geschmückten Minarett stehen.

Nicht nur die offensichtliche Toleranz der Religionen fasziniert mich an Albanien, sondern auch die Frömmigkeit, mit der diese durch viele Gläubige gelebt werden.
Ich fahre nun durch eine weite Ebene, die jetzt, Mitte Juni, schon wesentlich trockener aussieht als das Bergland.


In Shkodër besuche ich die Festung Rozafa, deren Auffahrt doch mal wieder so steil ist, dass ich absteige und schiebe. Die Festung, die auf einem 130 m hohen Berg liegt, basiert auf einer illyrischen Siedlung (um 400 v. Chr.) Danach kamen Römer, Byzantiner und Venezianer. Der Name Rozafa erinnert an eine junge Mutter, die der Legende nach eingemauert wurde, um die Standfestigkeit der Burg zu gewährleisten. Sie akzeptierte ihr Schicksal unter der Bedingung, dass ihr ein kleines Loch in der Mauer ermöglichte, weiterhin ihren Sohn zu stillen. Eigentlich müßig zu erwähnen, dass es sich um eine Legende handelt. Sie kam auch erst im Mittelalter auf. Aber immerhin: Rozafa wird in der albanischen Kultur als Sinnbild für Selbstaufopferung, Mut und Treue verehrt. Passt irgendwie auch zum Leben Mutter Teresas.









Auf der Festung höre ich einen mir unbekannten, dreisilbrigen, monotonen Vogelruf. Also kommt mal wieder birdnet zum Einsatz. Und siehe da: es ist ein Wiedehopf! Da wurde wohl der Ruf zum Namen, so wie ja auch beim Kuckuck, den ich auf dieser Reise übrigens so häufig gehört habe wie nie zuvor!
Die Festungsanlage ist weitläufig, sie bedeckt den ganzen Hügel über eine Fläche von neun Hektar! Die Besucher suchen, wenn sie Pause machen, den Schatten. Kein Wunder: die Sonne steht jetzt nahezu senkrecht, es ist Mittag. Auch mir reicht es. Das Thermometer zeigt 30 Grad.
Ich fahre nach Shkodër hinein und steuere die nächste Furrë buke an. Direkt daneben ist eine kleine Grünanlage mit schattigen Bänken. Perfekt!

Dann suche ich mir ein Hotel, denn für heute ist plangemäß Schluss!
Time: 10.6.2026, 07:46: |
Duration: 03:04:03 |
Ascent/Descent: | Distance: 53.73 km |
Naja, nicht ganz. Denn ich gehe nochmal auf Fotopirsch. Dabei - genauer gesagt: beim Abendessen - lerne ich Joana kennen.







Joana ist Waliserin (wichtig!), auch wenn sie in London lebt und arbeitet. Wobei auch das nicht ganz stimmt. Denn momentan arbeitet sie von Albanien aus. Sie hat heute entdeckt, dass ihre Wohnung Video-überwacht wird (!) und spontan beschlossen, umzuziehen. Immerhin hat sie direkt etwas anderes gefunden. Aber den Schock verarbeitet sie gerade bei einem Glas Wein. Da kommt ihr das Gespräch vermutlich genauso recht wie mir. Und das geht quer durch den Gemüsegarten: Über Vorlieben und Süchte, gesellschaftlich verlorengegangene Kompromissfähigkeit, englische Höflichkeit, Charakterisierung des Rheinländers, die Sowjetunion, Vor- und Nachteile des Alleinreisens (und -seins) und unsere familiären Situationen - Joana ist so alt wie meine älteste Tochter Anna.
Wieder mal so eine nette Spontanbegegnung, die bestätigt, dass das Wichtigste im Leben doch die Begegnungen mit Menschen sind!








So komme ich später als gedacht in mein Hotel zurück und dazu, diesen Artikel zu schreiben. Was wiederum auch nicht schlecht ist. Denn obwohl mein Hotel vermeintlich ruhig in einer Nebengasse liegt, schallt die Musik aus der Fußgängerzone bis hier herüber. Dann vielleicht doch lieber (entferntere) Straßenarbeiten und Schwalbengezeter?
Ein voll gepackter und guter Tag. Wie immer mit tollen Bildeindrücken.
Die eingemauerte Frau ist bei den Griechen immer die Frau des türkischen (!) Baumeisters. Ich hab mich schon oft gewundert, dass die Baumeister überhaupt noch geheiratet haben 😉
Hier sollen es drei Brüder gewesen sein, die die Festung gebaut haben, die aber immer wieder zusammengebrochen ist. Nur die eingemauerte Frau würde den Bau ermöglichen. Also haben sie vereinbart, diejenige ihrer Frauen zu nehmen, die am nächsten Tag das Essen bringen würde. Die älteren Brüder haben ihr Frauen gewarnt, der faire jüngere (und vor allem seine Frau) dadurch klar verloren!
Hier ging es also mal nicht um Griechen vs. Türken
Auch wenn ich nicht jeden Tag deiner Etappe verfolgt habe, sage ich dennoch danke für die wieder mal super bebilderte und beschriebene Tour. Ich habe mit geschwitzt bei all den Steigungen und das leckere Essen auch genossen. Komm wieder gut Heim. Bis zur nächsten Tour