Von Niederländern, Tischlern und Fischottern

Dienstag, 9. Juli

Friedrichstadt

Auch wenn der Name nicht danach klingt: Friedrichstadt wurde 1621 von Niederländern gegründet. Genauer von Remonstranten. Diese widersprachen der vorherrschenden calvinistischen Überzeugung, nach der das Schicksal des Menschen vorherbestimmt sei und glaubten vielmehr an dessen Selbstbestimmtheit. Das kam zu Hause nicht so gut an. Offene Arme fanden sie dagegen bei Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein, der ihnen wirtschaftliche Privilegien, Glaubensfreiheit und die Möglichkeit, eine Stadt zu bauen anbot. Zum Dank benannten sie die Stadt nach ihm.

Die niederländische Bauart ist schon auf dem Stadtplan erkennbar: gerade und sich rechtwinklig schneidende Straßen, unterbrochen nur von künstlichen Kanälen, die in Holland Grachten genannt werden. Viele Häuser sind im Stil der niederländischen Renaissance gebaut und zeigen die typischen Treppengiebel. Interesant auch die sog. Hausmarken, oft farbig gefasste Reliefs über der Eingangstür, die einen Hinweis auf die ehemaligen Erbauer oder Bewohner geben. Nur die Autos gab’s damals noch nicht, die mir manches Foto erschweren.

Am Ende meines Rundgangs besuche ich das Tischlereimuseum. Dabei handelt es sich um die ehemaligen Werkstatt des Tischlermeisters Jacob Hansen. Hansen starb zwar erst 1999 im Alter von 92 Jahren, die Werkstatt ist aber im Zustand zwischen den beiden Weltkriegen erhalten. Hansen arbeitete bis ins hohe Alter in seiner Werkstatt, nur ausbilden durfte er irgendwann nicht mehr und auch keine sonstigen Mitarbeiter haben, da die Werkzeuge den steigenden Anforderungen der Berufssicherheit nicht mehr genügten. Heute kümmert sich ein Förderverein um den Erhalt der Werkstatt. Ich hatte das Glück, Rüdiger Fahr zu begegnen, der ehrenamtlich dort arbeitet und mich mit viel Detailwissen durch die Sammlung geführt hat.

Nächster Stopp: Tönning

In Tönning steht das Multimar Wattforum. Ich habe zwar schon die ein oder andere Wattenmeer-Infostelle besucht, aber keine ist größer und ausführlicher als das Multimar. Neben erschöpfenden Infos über den einzigartigen Naturpark Wattenmeer gibt es auch eine Ausstellung über Wale und ein sehr weiträumiges Freigehege für Otter. Faszinierend ist aber auch das meterhohe Aquarium, das von einem abgedunkelten hohen Raum mit Sitzreihen wie in einem Amphitheater aus betrachtet werden kann. Hierin schwimmen Seelachs, Stör und Co. Und der Anblick ihrer bedächtigen Bewegungen ist unglaublich meditativ.

Mein heutiges Ziel erreiche ich über das Eidersperrwerk, das größte deutsche Küstenschutz-Bauwerk, das seit 1973 Schutz vor Sturmfluten aus der Nordsee bietet. Für mich überraschend hat sich an dessen Nordende eine Seevogel-Kolonie angesiedelt. Hier brüten Lachmöwen, Küsten- und Flussseeschwalben gemeinsam. Von den Besuchern des Sperrwerks nehmen sie kaum Notiz. Falls sie sich doch mal bedrängt fühlen, wehren sie sich mit schmerzhaften Schnabelhieben, warnt ein Schild. Hitchcock lässt grüßen!

Noch eine generelle Info: Nachdem mein Tracker wieder aufzeichnet, könnt ihr mir quasi beim Radeln zusehen: alle zehn Minuten wird ein Punkt aufgezeichnet und direkt ins Netz gestellt. Ihr findet die Karte oben hinter dem „P“-Icon. P wie – äh – „Prima, eine Karte“ oder so (ich musste das Pinterest-Icon zweckentfremden, da mir mein Plugin keine vernünftige Alternative zur Verfügung gestellt hat).

Die Tagesetappe gibt es aber wieder hier:

Time:
9.7.2024, 09:57:2
Duration:
08:23:30
Ascent/Descent:
221 m 189 m
Distance:
58.91 km

Witziger Effekt heute: Angeblich bin ich von 0 auf 40 m Höhe gefahren. Tatsächlich liegt Hedwigenkoog, wo ich heute übernachte, hinterm Deich auf nahezu 0! Da mein Navi einen barometrischen Höhenmesser hat, ist wohl der Luftdruck gefallen!

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Viktor
14 Tage zuvor

Friedrichstadt – noch nie von gehört. Sieht aber toll aus. Und wieder was gelernt.
Danke & LG, Viktor

Doris Hempfling
Doris Hempfling
15 Tage zuvor

Danke, Tom, dass Du uns auf Deiner Tour mitnimmst, ohne dass wir uns anstrengen müssen!
Freundliche Grüße aus Kassel von Doris und Eckhard