Seen und Whisky

Nein, es geht nicht wieder nach Schottland. Wir sind immer noch auf dem Bodensee-Königssee-Radweg. Denn auch hier gibt es Seen – klar – und Whisky. Echt? Echt! Doch dazu später mehr.

Montag, 3. Juli 2023

Zwei Nächte in einer Ferienwohnung und schon findet man nichts mehr wieder! Was sich sonst auf ein Zelt beschränkt, ist jetzt auf Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Bad verteilt. Aber auch dieses Problem ist irgendwann gelöst und wie radeln los.

Hinter Bad Kohlgrub gibt es sechs Kilometer lang nichts zu pedalieren, es gibt immer nur bergab. Bis nach Grafenaschau und ins Murnauer Moos hinein. Eine herrlich idyllische Landschaft: weit und einsam, zumindest für bayerische Verhältnisse. Die hatte ich bisher nie auf dem Schirm. Oder völlig unterschätzt. Als mein Bruder seinen Wehrdienst in Murnau absolvierte, sagte mir ein Blick in die Landkarte, dass keine hohen Berge in der Nähe sind und damit war der Fall für mich erledigt. Aber auch Schottland wäre damals für mich uninteressant gewesen. Ignoranz der Jugend! 🙂

Am Südrand des Moorgebiets machen wir in Eschenlohe Pause beim einzigen Bäcker weit und breit, der Bäckerei Luidl. Der Kaffee schmeckt, das Croissant auch. Als Hobby-Brotbäcker schweift mein Blick auch über die Brotregale. Und was ich hier sehe, sieht gut aus: Sowohl das Brot als auch die diversen Semmeln sehen noch nach echtem Handwerk aus. Schade, dass wir nicht länger bleiben. Hier würde ich gerne einiges durchprobieren.

Nächster Stopp: Benediktbeuern. Immer noch Pfaffenwinkel, wieder ein Kloster. Um 740 wurde es von Benediktinern gegründet. Auch wenn es 1803 säkularisiert wurde und seit 1930 von den Salesianern Don Boscos geführt wird, haben diese dem Ort und auch dem über dem Ort liegenden, breiten Felsgipfel der Benediktenwand ihren Namen hinterlassen. Im Barock umgebaut, reiht sich die Anlage ein in die kunsthistorisch bedeutenden Orte Südbayerns.

Die Nacht verbringen wir am See. Der Campingplatz liegt idyllisch am Stallauer Weiher, auf dessen anderer Seite leider die B472 verläuft, was die Idylle zumindest akustisch trübt. Aber für eine ruhige Nacht gibt es ja Oropax!

Dienstag, 4. Juli

In der Nacht regnet es etwas. Am Morgen zeigt ein Blick auf den Regenradar, dass der nächste Schauer nicht weit ist. Wir bauen das Zelt zügig ab und kommen trocken bis Bad Tölz. Sind ja auch nur fünf Kilometer.

Auf dem Weg zum Kalvarienberg werden wir dann doch noch von oben her feucht. Aber zum Glück streift uns das Regengebiet nur.

Der Tölzer Kalvarienberg ist ein barockes Ensemble überlebensgroßer Passionsdarstellungen. Jesus im Garten Gethsemane mit den schlafenden Jüngern, eine gigantische Kreuzigungsgruppe, eine Dopelkirche, mehrere Kapellen, ein Kreuzweg. Geballter Glaube. Für meinen Geschmack von allem ein bisschen zu viel. Dafür lohnt der Ausblick auf Bad Tölz und den Isarwinkel.

Wir fahren weiter zum Tegernsee. In Kaltenbrunn gibt es einen Biergarten, der in mindestens einer der mindestens zehn verschiedenen Top-10-Biergarten-Listen vertreten ist. Hier machen wir Mittagspause. Bajuwarisch. Mit Leberkäs, Wurstsalat und zwei kleinen Radlern für uns Radler. Wer Bayern kennt, weiß, das „klein“ hier einen halben Liter bedeutet. Passt scho!

Und noch einen letzten Stopp gibt es heute: die Slyrs-Distillerie am Slyrsee, sorry, Schliersee. Für einen kleinen Obolus darf man sich die – ja, was ist es eigentlich: Ausstellung? Produktion? – anschauen. Tatsächlich läuft man durch die Produktion, kann z. B. die Brennblasen bewundern oder zwanzig verschiedene Sorten Gerstenmalz und sich auf verschiedenen Schautafeln in den Herstellungs-Prozess vertiefen.

Zum Abschluss gibt es eine kleine Verkostung. Die besteht aus einem Glas „Classic Malt“, Wasser zum neutralisieren und einem Whisky-Likör. Womit schon angedeutet ist, dass die Brennmeister hier durchaus mal etwas Neues probieren.

Der offizielle Teil der Verkostung

Ok, probieren wir mal: der Classic Malt ist in der Nase vor allem süß, erinnert mich fast mehr an Rum als an einen Whisky. Das bleibt auch im Mund so ähnlich und im durchaus langen Abgang: mild, harmonisch, leicht süß mit Anklängen von Vanille und Honig. Ein durchaus runder und gelungener Tropfen.

Das Tasting beginnt

Als der – wie soll ich ihn nennen: Tasting-Bereitsteller? Barkeeper?, Whisky-Sommelier? – hört, dass ich gerade in Schottland war, öffnet er eine Flasche nach der anderen: zunächst gibt es eine Fassstärke, deren Finish im Haselnussgeist(!)fass erfolgte. Und das riecht man schon vor dem ersten Tropfen! Experimentierfreudig sind sie bei Slyrs! Als nächstes bekomme ich einen „Bavarian Peat“, der seinen Geschmack Torf aus der Lüneburger Heide verdankt! Von wegen „bavarian“! Aber lecker ist er! Auch hier sind wieder Nase, Mund und Abgang sehr ausgewogen, die Rauchnote ist angenehm dezent mit einem besonders lang anhaltenden Abgang. Uta bekommt derweil einen Slyrs mit Jimenez-Finish, das die ohnehin vorhandene Süße, die der Reifung in amerikanischer Weißeiche zugeschrieben wird, nochmals intensiviert. Allerdings nur wenig, wie ich meine, woraufhin ich noch ein Amontillado-Finish vorgesetzt bekomme, das für meinen Geschmack auch nicht viel anders ist. Oder hatte ich einfach schon einen zu viel? Abschließend will natürlich auch der Likör noch getrunken werden, für den der Whisky mit Vanille und Honig angereichert wird, was durchaus passt, weil diese Geschmackskomponenten auch in der Basis schon anklingen.

Nach intensivem Gedankenaustausch mit dem Barkeeper

Als wir diese gastliche Stätte nach über einer Stunde verlassen, findet Uta 23 Kilometer bis zum nächsten Campingplatz eindeutig zuviel, zumal der Himmel sich heftig verdunkelt. Nach kurzer Online-Suche finden wir ein Apartment in der Nähe, das wir gerade vor den ersten Regentropfen betreten können. Mal wieder Glück gehabt!

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2 Kommentare
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Viktor
7 Monate zuvor

Aha… „Gedankenaustausch“ nennt man das 🙂
Scheint ein lohnenswertes Erlebnis gewesen zu sein und macht mich neugierig. Schade, dass ich den Tipp nicht hatte, als ich vor wenigen Wochen in der Ecke war…