Selbstreflexion

Nach dem Frühstück laufe ich noch einmal auf das Thermengelände. Aber eigentlich ist das der falsche Ausdruck. Hundertwasser hat hier ein ganzes Areal geschaffen, in dem der Mensch zumindest architektonisch im Einklang mit der Natur lebt. Neben der Therme gibt es Hotels, Tagungsräume und Wohnungen. Auch einige „Augenschlitzhäuser“ stehen auf dem Gelände, deren Fassaden-Silhouette die Form eines Auges aufweist und deren Dächer, baumbestanden oder als Wiesen mit der natürlichen Umgebung verschmelzen.

Vor einem solchen Augenschlitzhaus sitzen zwei Frauen, Mutter und Tochter, wie sich herausstellt. Beide aus Wien, die sich aber bisher nicht mit Hundertwasser beschäftigt haben. Aber gut, ich brauchte als zugezogener Bonner auch ein paar Jahrzehnte, bis ich erstmals im Beethovenhaus war! Sie haben hier eine Ferienwohnung gemietet. Wir unterhalten uns lange über Hundertwasser, Ökologie und ein Leben im Einklang mit der Natur. Schließlich darf ich auch einen Blick in die Wohnung werfen, die konsequenterweise ebenfalls weitestgehend auf gerade Linien und rechte Winkel verzichtet. „Die gerade Linie ist gottlos“, hat Hundertwaser gesagt, insofern war ich überrascght, wie „normal“ die Musterwohnung in der Grünen Zitadelle in Magdeburg aussah, die Uta und ich im Juni im Rahmen einer Führung besichtigt haben. Hier ist die Innenraumgestaltung konsequenter. Das erfordert zwar vielfach Möbel nach Maß, schafft aber auf Anhieb einen ungeheuren Wohlfühlfaktor!

Nachenklich und heute erst gegen Mittag gehe ich auf Tour. Der Natur das zurückzugeben, was man ihr durch Bautätigkeiten zunächst wegnimmt – eine von Hundertwassers Ideen – fördert das Eins-sein von Mensch und Natur. Aber bin ich eins mit der Natur, wenn ich von Küste zu Küste durch fünf Länder hetze, immer in Überlegung, was ich heute noch sehen, wo ich heute noch hinkommen könnte? Oder mit mir? Irgendwie fehlen mir die Ruhepunkte. Wenn ich zu Fuß in den Bergen unterwegs bin, habe ich die viel häufiger – eine Gipfelrast bei schönem Wetter und herrlicher Aussicht, im Herbst häufig über den Nebeln, die die Täler mit Watte bedecken, verschafft mir eine tiefe Ruhe, die ich gerne auch mal auf ein, zwei Stunden ausdehne. Und was ist bisher auf dieser Tour? Die Mittagspause im Altvater-Gebirge vielleicht und der Aufenthalt hier in Bad Blumau, gestern Abend in der Therme und heute Vormittag auf diesem Areal. Das war’s aber auch schon. Obwohl ich bereits seit einem halben Jahr nicht mehr arbeiten muss, habe ich – glaube ich – die Arbeitsmentalität noch nicht abgelegt: möglichst viel schaffen, möglichst schnell und das gut dokumentiert – es geht immer noch ein bisschen mehr! Vielleicht sollte ich mich heute einmal in Ruhe treiben lassen statt mich selbst zu treiben. Kein Blick auf den Tacho, um zu sehen, wie schnell ich gerade fahre und wie weit ich schon gekommen bin. Und vielleicht sollte ich auch einmal einen Tag Fotopause machen! Oder zumindest keine Fotos in diesen Blog stellen. Einmal nur den Text wirken lassen. Ausnahmsweise.

Verrückterweise verschafft mir dieser Entschluss tatsächlich eine gewisse Erleichterung und so fahre ich gemütlich, fast genüsslich aus Bad Blumau hinaus, durch viele Maisfelder, einige Apfelplantagen und an riesigen Gewächshäusern der Firma Frutura vorbei, die, wie ich später im Internet herausfinde, ganzjährig Gemüse – auch nach Bio-Richtlinien – produziert und dabei die bis zu 125° heißen Thermalwässer des steirischen Untergrundes nutzt. Deren Wärme hilft den Pflanzen beim Gedeihen und gekühlt wird das Wasser dem Untergrund wieder zurückgegeben.

Ich fahre durch das Lafnitztal, dessen Fluss – die Lafnitz – lange die Grenze zwischen dem Königreich Ungarn und dem Herzogtum Steiermark bildete. Leider haben Flüsse die Gewohneit, nach Unwettern und Hochwässern schon mal ihr Bett zu verlegen, was regelmäßig zu Grenzstreitigkeiten (auch gewalttätigen) führte. Kaiserin Maria Theresia setzte schließlich ein Schiedsgericht ein und dessen Urteil führte dazu, dass die Steirer ihre Grundstücke, die mittlerweile jenseits der Lafnitz lagen – die „deutschen Gründe“ – verloren.

Hinter Fürstenfeld gibt es dann mal wieder einen kleinen Anstieg. Hab‘ ich es vermisst? Nicht wirklich! Und dann kommt es mal wieder knüppeldick. Schiebestrecke! Manchmal wär so ein Akku vielleicht doch nicht schlecht. Ein kleiner zumindest! Dafür geht es anschließend schön über die Höhen mit Blicken in eine Bilderbuch-Hügellandschaft. Mit Hundertwasers Augenschlitzhäusern versehen könnte man glatt meinen, man wäre im Auenland!

In Unterlamm erfolgt die zweite Schiebestrecke des Tages und die führt wohin? Natürlich nach Oberlamm! Zur Auflockerung der notwendigen Pause suche ich auf dem Smartphone schon mal nach Zeltplätzen und stelle fest, dass es einen in Jennersdorf gibt. Das ist zwar nicht direkt am EV 9, aber erreichbar. Nur leider, indem ich die Schiebestrecke wieder hinunter fahre. Wie ärgerlich! Bereits eroberte Höhe wieder aufgeben müssen? Ich ringe lange mit mir, aber letztlich mache ich es und stelle, während ich jetzt so auf dem Campingplatz die Karte studiere, fest, dass der Eurovelo mit ein paar Kilometern mehr durchaus einiges an Steigungen hätte sparen können!

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Na, da gibt es am Anfang des heutigen Tages wohl einen Aufzeichnungsfehler! Ich bin jedenfalls nicht mal eben von 0 auf 286 gestartet 🙂

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Viktor
4 Jahre zuvor

„Mit Hundertwasers Augenschlitzhäusern versehen könnte man glatt meinen, man wäre im Auenland!“ — nach diesem Satz hab ich ein Foto dann doch vermisst.
Ansonsten: Toller Text!
…und Du hast mich neugierig darauf gemacht, mich auch mal mit Hundertwasser zu beschäftigen.
Danke & Grüße
Viktor