Durch die drei Bergsteigermeere

Dienstag, 27. September

Die Nacht war nicht so erholsam. Die Betten zu kurz, die Plumeaus zu klein, wo war eigentlich Schneewittchen? Nur Hände und Schultern sind auf den harten Matratzen zeitweise eingeschlafen.

Ok, genug des Sarkasmus. Wir besichtigen den Heustadl, in dem Leo und ich 1994 mehrere Oktober-Nächte verbracht haben, da die Hütte nicht mehr bewirtschaftet war und es keinen Winterraum gab. Damals haben wir eine Runde um die Geislerspitzen gedreht.

Jetzt ist es grau. Die Wolken, die aus dem Tal hochziehen, vereinigen sich mit denen, die bereits die Berge oberhalb der Hütte umschmeicheln.

Wir kommen an der Medalges-Alm vorbei. Hier hat Anfang der 1990er-Jahre der Journalist Jürgen König ein ganzes Jahr verbracht und in einem Buch über sein Leben ohne Elektrizität berichtet, über aufdringliche Wanderer, überraschende Begegnungen und die Ausflüge mit seinem Hund, der der Einsamkeit die Schwere genommen hat.

Medalges

Wir laufen meistens in den Wolken . Eigentlich ein wunderschöner Höhenweg, ab und an bekommen wir mal ein kleines Guckloch zur Verfügung gestellt, aber das zieht schnell wieder zu. Die Wolken werden inkontinent: Graupel fallen über uns her und reduzieren die Sicht weiter. Bald beschränkt sich die Aussicht auf die drei Bergsteigermeere: Nebelmeer, Wolkenmeer, gar nichts mehr.

Richtung Roascharte geht der Graupel in Schneefall über, der immer heftiger wird, bis sich die Schneedecke auf über 10 cm summiert. Ich bin nicht sicher, ob wir wirklich weiter gehen sollen, der Weg ist kaum noch erkennbar. Aber die Scharte ist nicht mehr weit, bis dahin werden wir durchziehen und dann schauen, wie es dahinter aussieht. Ein Wanderer folgt uns in dezentem Abstand, offenbar froh über die Spur, die wir legen. Kurz bevor wir oben sind, kommen uns zwei Leute mit Hund entgegen. Ok, damit ist klar, das es dahinter weitergeht. Wir tauschen uns aus und erfahren, das auf der anderen Seite viel weniger Schnee liegt – der ist offenbar auf unsere Seite verblasen worden!

Kaum sind wir oben, hört auch der Schneefall auf. Perfekt! Hundert Meter unterhalb setzen wir uns in die Sonne, die jetzt sogar heraus gekommen ist und halten eine längere Rast. Über eine weitere Scharte erreichen wir einen teilweise versicherten Höhenweg, der uns oberhalb des Längentals zur Puezhütte führt.

3 Replies to “Durch die drei Bergsteigermeere”

  1. Danke für den super Text und die schönen Bilder, welche wir vom Sofa in der geheizten Stube geniessen konnten!
    Wir wünschen euch weiterhin Freude beim alpinen Schneewandern und hoffen, dass euch Petrus die nächsten Tage mit Sonnenschein verwöhnen wird.
    Liebe Grüsse aus Brig, auf der Weritzalp ist es uns zu kalt geworden
    Miranda und Marc-René Seeberger

    1. Hey, dass ist ja schön, von Dir zu hören! Wie lange ist das her? Jahrzehnte? Leo hat mir erzählt, dass ihr noch in Kontakt steht. Freut mich, dass Du mitwanderst, und sei es nur vom Sofa aus! Ganz liebe Grüße auch an Deine Mutter, ihr Raclette ist mir unvergesslich!

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