Einsame Berge

Dienstag, 12. Juli

Eigentlich gibt es im Refugi Rosta erst um 8:00 Frühstück. Da Salardú nur auf 1.250m Höhe liegt, wäre die Sonne schon da, wenn ich loslaufe. Das passt mir eigentlich nicht, weil es dann schnell zu heiß wird. Dankenswerter Weise hat sich die venezolanische Küchenkraft bereit erklärt, mir das Frühstück schon um 7:30 zur Verfügung zu stellen! So kann ich um 8:14 den Bus ins drei Kilometer entfernte Baqueira nehmen, von wo aus ich einen direkteren Aufstieg zum Pla de Beret nehmen kann. Das spart mindestens eine Stunde und ich bin früher in Höhen, in denen die Sonne nicht ganz so brennt.

Durch das Skigebiet von Baqueira, begleitet von Baulärm des offenbar noch nicht gebrochenen Skibooms, steige ich über Pisten aufwärts.

Baqueira, hier von seiner schöneren Seite

Gegen 9 Uhr komme ich in 1.700 m Höhe in die Sonne und bin froh, die zeitlich frühere Variante gewählt zu haben. Nach zwei Stunden bin ich am Estany de Baciver in 2.078 m Höhe. Hier ziehe ich Schuhe und Socken aus und halte die Füße ins Wasser. Die Sonne scheint, kleine Fische umschwimmen meine Füße. Das Leben kann so schön sein!

Estany de Baciver

Durch ein lichtes Kiefernwäldchen steige ich zum nächsten Bergsee auf. Von da aus geht es auf den Tuc de Marimanya. Da mich Tom Martens Beschreibung des Anstiegs etwas abschreckt und ich andererseits auf der Karte einen Weg über den S-Grat sehe, folge ich diesem. Eine Französin, die mit ihrer Tochter auf den Nachbargipfel will, warnt mich, dass der Grat machbar, aber schwierig sei. Nach meiner Versicherung, wieder umzukehren, wenn es mir zu riskant würde, lässt sie mich ziehen. Und ja, sie hat Recht. Es ist ein schwieriger Blockgrat und sicherlich nicht leichter als der Weg aus Tom Martens Beschreibung, aber machbar. Merke: Traue keiner Karte, die Du nicht selber gefälscht hast! Ein”Weg” ist das sicher nicht!

Über den Ostgrat runter (jetzt wieder Martens Beschreibung folgend) ist es allerdings auch nicht viel einfacher, aber es geht. Ab dem Col d’Airoto wird es aber wirklich unangenehm. Erst ein sehr steiler Abstieg, dann eine lange Querung über extrem steile Blockfelder. Und mich begleitet das Gefühl, dass, wenn sich nur ein Block bewegt, durchaus der ganze Hang ins Rutschen kommen könnte. Nicht schön!

Irgendwann ist aber auch das überstanden, ich gehe noch über den nächsten Pass, den Collado del Clot de Moredo (2.429m) und mache am dahinter liegenden kleinen See erst einmal eine lange Pause, bei der ich auch koche.

Kochpause

Dann entscheide ich mich, doch noch nach Alos d’Isil abzusteigen. Da ich am dortigen Refugi niemanden erreichen kann (es ist geschlossen und an den angeschlagenen Telefonnummern reagiert nur der Anrufbeantworter), schlage ich wenige hundert Meter hinter dem Ort mein Zelt auf.

Mittwoch, 13. Juli

Der heutige Anstieg erweist sich als reichlich Bremsen-verseucht. Egal ob im Wald oder in der moorigen Hochebene, permanent versuchen sie, auf mir zu landen. Wobei Sie es natürlich nicht beim Landen belassen wollen. Scheiß-Viecher!

Dann geht es an einem Wasserfall entlang hoch zu einem kleinen See,  anstrengend aber schön. Hier mache ich eine lange Pause.

Obwohl ich schwitze wie in der Sauna, bin ich doch froh über das gute Wetter. Im Regen wäre das steile, felsdurchsetzte Gelände für mich eine einzige No-Go-Area. Generell ist das Gehen auf den hohen Wegen in den Pyrenäen wesentlich anspruchsvoller als in den Alpen. Markierte Wege oder rote Punkte auf Blockfeldern sucht man hier vergebens. Hier muss man die Augen gut offen halten, um die meist eher schwachen Pfadspuren zu erkennen oder sich an Steinmännchen zu orientieren, die an schwierigen Stellen immerhin immer wieder mal zu finden sind. Hinzu kommt, dass die Pfade oft von einer unglaublichen Steilheit sind. Und was gegenüber den Alpen natürlich auch noch erschwerend hinzu kommt: kein Radler, kein Apfelstrudel, kein Kaiserschmarrn!

Fast wundere ich mich, dass ich trotzdem innerhalb der von Tom Martens angegebenen Zeiten bleibe; nicht immer, aber meistens.
Auf dem Weg zum Col de Cornella schaffe ich das allerdings nicht. Irgendwo verpasse ich den Weg und kämpfe mich dann über steile Gras- und Schrofenhänge nach oben bis ich den richtigen Weg 100 Meter weiter rechts von mir sehe; und den auch noch in einem durchaus passablen Zustand!

Am Pass begegnen mir zwei Franzosen, die mich leider in der Annahme bestätigen, das es dahinter direkt extrem steil runter geht. Auch das geht letztlich wieder, aber ehrlich gesagt: schön ist anders. Martens spricht hier von einem “extremely steep scree slope”. Da hat er Recht.

Wieder einer der vielen Seen. Nicht von allen weiß ich mehr den Namen.

Hinter dem zweiten Pass des Tages, dem Col Curiós treffe ich nacheinander zwei Franzosen, mit denen ich mich kurz unterhalte. Die erste von ihnen will heute noch bis Alos d’Isil, wo ich heute morgen gestartet bin. Mittlerweile ist es 16 Uhr durch!

Schließlich erreiche ich den dritten und letzten Pass des Tages, den Coll de Calberante (2.606m). Neuer Blick, neue Seen! Tiefblau liegt der Estany Major de la Gallina unter mir. Bei aller Anstrengung auf dieser Tour erfolgt die Entschädigung doch immer wieder durch fantastische Ausblicke.

Coll de Calberante

Das Refugi Enric Pujol, eine einfache Selbstversorgerhütte – in den Alpen würde man das Biwakschachtel nennen – teile ich mir mit drei Franzosen. Zwei davon sind Vater und Sohn, wobei der Vater ein seit Jahrzehnten in Frankreich lebender Engländer ist, der die komplette HRP in Gegenrichtung geht und etappenweise von diversen Söhnen (Matthias spricht auch deutsch!), seiner Frau oder Freunden begleitet wird. Vincent, der dritte, läuft wie ich alleine, aber auch in Gegenrichtung. Wir haben jedenfalls einen netten englisch-deutsch-französischen Abend.

Donnerstag, 14. Juli

Die Tür der Hütte haben wir die ganze Nacht aufgelassen, es ist wohl kaum kälter als 15 Grad geworden. So hatten wir alle frische Luft und morgens habe ich freie Aussicht auf den langsam erwachenden Morgenhimmel. Eine traumhafte Stimmung, die nur noch getoppt wird, als schließlich die Sonne aufgeht!

Sonnenaufgang

Nach einem gemeinsamen Frühstück trennen wir uns, natürlich nicht, ohne uns gegenseitig einen guten Weiterweg zu wünschen. Ich steige zunächst nach Noarre ab. Diese kleine Bergdorf ist insofern einzigartig, als es über keinen Straßenzugang verfügt. Trotzdem scheint die sonst mangels ausreichender Zukunftsaussichten übliche Abwanderung gestoppt: viele Häuser sehen renoviert aus und werden offenbar zumindest zeitweise in der Sommersaison genutzt.

Noarre

Eine knappe Stunde später bin ich auf dem Campingplatz in Bordes de Graus, von dem ich per Autostopp zum Einkaufen nach Tavascan fahre, da die nächsten Tage (bis auf den ersten) ohne Versorgungsmöglichkeit sind.

2 Replies to “Einsame Berge”

  1. Oh je, Thomas, diese herrlichen Panoramen von Orten über den Wolken müssen ja schwer erkauft werden! Diesmal schreibst du selbst, dass die Pyrenäen (stellenweise) “härter” als die Alpen sind, was ich dir aufgrund meiner Erfahrungen im Mai beschrieb, als wir uns beim Frühstück trafen. Ich bewundere die enorme Kraft, mt der du diese anspruchsvollen Etappen zurücklegst, und dazu noch mit Bremsen-Begeleitung – da hätte ich bestimmt kapituliert! Also: Hut ab und alle Achtung…und vor allem: viel Energie, Ausdauer und (manchmal wenigstens) Genuss bei deinem Abenteuer!

  2. Grandiose Landschaft, Seen wie Tinte – da lohnt sich schon “ein bisschen” Schweiß! Alles Gute für die nächste Etappe…
    LG, Viktor

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