EV9 – Fazit

Die Länder

Was bleibt nun hängen nach einer solchen Reise? Die Eindrücke so zu sortieren, dass sie hier nicht wie Kraut und Rüben erscheinen, ist gar nicht so leicht. Ich fange mal mit den Ländern an. Eines vorweg: alle haben sich gelohnt, keines hat mich enttäuscht. Schwierig ist höchstens, jeweils den einen Punkt zu finden, der den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen hat, weil das auch bedeutet, so viele andere nicht zu nennen. Ich versuche es trotzdem:

In Polen hat mich am meisten die Herzlichkeit und Offenheit der Menschen dem fremden Radreisenden gegenüber beeindruckt, der ihre Sprache kaum versteht und noch weniger spricht. Und das insbesondere im Norden, was vielleicht daran liegt, dass die Menschen an der Küste und deren Hinterland durch den Handel über das Meer schon immer weltoffener waren als weiter drinnen im Kontinent.

In Tschechien war es der Mährische Karst und dessen häufig einsame Landschaft, die sich mir ins Gedächtnis eingegraben hat. Und zum Glück konnte ich den Eindruck unfreundlichen Personals im Gastgewerbe, den Uta und ich an der Elbe gewonnen hatten, nicht erneut bestätigen. Ob es da einen regionalen Unterschied zwischen Böhmen (Elbe) und Mähren (EV9) gibt? Oder hatten wir im Juni einfach nur Pech?

Österreich ist für mich untrennbar mit Hundertwasser verbunden. Das Areal um die Therme in Bad Blumau herum, auf dem er architektonische Wege aufgezeigt hat, wie Menschen sich die Natur nicht einfach untertan machen, sondern in Harmonie mit ihr leben können, hat mich tief beeindruckt.

Slowenien ist ein zwar kleines Land mit nur 2 Millionen Einwohnern (= zweimal Köln), hat aber landschaftlich enorm viel zu bieten. Auch hier ist es wieder der Karst mit den glitzernden Tropfsteinwelten in Postojna und den atemberaubenden unterirdischen Hallen und Canyons in Škocjan, der den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen hat. Im Übrigen werde ich bestimmt nochmal nach Slowenien reisen, um  z. B. Bled und die Julischen Alpen mit dem Triglav zu besuchen und auch die Höhlen nochmals mit Uta gemeinsam zu erleben.

Schließlich Kroatien, das ich ja nur randlich, nämlich in Istrien berührt habe, das wir aber auch schon vor sieben Jahren intensiver kennenlernen konnten. Hier waren es genau wie damals die holperigen und engen Gassen in Grožnjan, diesem felsverwurzelten Bergdorf, das immer noch seine ursprüngliche Authentizität ausatmet und sich damit in mein emotionales Gedächtnis eingegraben hat. Und das insbesondere am Abend und frühen Morgen, wenn diese nicht mehr bzw. noch nicht von den Tagestouristen bevölkert werden.

Alleinreisen

Ich bin mehrfach gefragt worden, wie das denn so ist mit dem Alleinreisen. Natürlich habe ich mich das selber auch gefragt. Und wie alles im Leben hat es Vor- und Nachteile. Als Alleinreisender brauche weder ich auf irgendwen Rücksicht nehmen noch kann ich jemandem zur Last fallen. Auch fällt das Kennenlernen anderer Menschen noch leichter, aber vielleicht forciert man es aus Gründen der Sozialhygiene auch einfach mehr.

Reist man zu zweit, hat man dagegen immer die Möglichkeit sich auszutauschen, schöne Erlebnisse zu teilen, aber auch unangenehme Erfahrungen gemeinsam zu verarbeiten. Ganz abgesehen davon, dass man in echten Notsituation, die ich zum Glück nicht erlebt habe, immer ein Backup hat, jemanden, der zur Not die Initiative ergreifen und die Gefahr zur Herausforderung abmildern kann.

Mit dem Blog habe ich natürlich auch ein wenig gegen das Alleinsein angeschrieben, vermittelt er mir doch die Illusion, Euch etwas zu erzählen. Natürlich ist diese Art der Kommunikation sehr einseitig und gerichtet und lässt so wie Sprachnachrichten auf dem Handy keine direkte Erwiderung zu – Gespräch ist definitiv anders! Umso mehr habe ich mich aber über Eure Kommentare gefreut, egal ob öffentlich hier in diesem Blog oder persönlich z. B. per What’sApp. Das gab mir das Gefühl, weiter mit der Heimat verbunden zu sein.

Noch einmal?

Die Gretchenfrage, die sich bei all dem herauskristallisiert, lautet also: Würde ich das wieder machen? Und nachdem ich nun wieder ein paar Tage zu Hause bin und sich die Eindrücke langsam gesetzt haben, würde ich sagen: Ja, ich würde wieder fremde Gegenden und Länder mit dem Rad erfahren wollen. Aber lieber noch zu zweit! Und was sich auch langsam herauskristallisiert, ist, dass ich wahrscheinlich nicht mehr unbedingt einen vorgegebenen Weg wie einen Eurovelo nachfahren würde, sondern mir lieber ein oder mehrere Länder vornähme, oder einen Start- und einen Zielpunkt, vielleicht noch bestimmte Orte, die ich unterwegs sehen will. Aber die genaue Route würde ich von den lokalen Gegebenheiten und insbesondere den Menschen, die mir begegnen, ihrem Wissen und ihren Empfehlungen abhängig machen.

Anders als erwartet

Nicht alles ist bei einer solchen Reise so wie man es zuvor erwartet hat. Und dabei gibt es durchaus positive Überraschungen:

Die Polen. Sind das nicht die, die immer unsere Autos klauen und den Sperrmüll fleddern? Dazu nur ganz kurz: Diebesbanden gibt es in jeder Nation und wenn Dinge, die ich aussortiere woanders noch Verwendung findet, hat das einen höchst erfreulichen Effekt auf den weltweiten Ressourcenverbrauch. Die Polen, die ich kennen gelernt habe, habe ich als offen, warmherzig und sehr gastfreundlich erlebt. Und tatsächlich: das hatte ich nicht erwartet! Da sieht man mal wieder, wie einen Vorurteile prägen!

Autofahrer. Viel hatte ich gelesen über den geringen Stellenwert von Radfahrern in Osteuropa. Tatsächlich habe ich fast durchwegs rücksichtsvolle Autofahrer erlebt, die mit ausreichendem Sicherheitsabstand überholten und auch hinter mir blieben, solange die Strecke unübersichtlich und ein Überholvorgang zu gewagt gewesen wäre. Die wenigen Ausnahmen waren zwischen Toruń / Thorn und Hohensalza / Inowrocław sowie in Kroatien. Im ersten Fall war ich auf einer stark befahrenen Schnellstraße unterwegs. Zwar ist hier das Radfahren erlaubt, aber auf Grund der hohen Geschwindigkeitsunterschiede zwischen Autos und Fahrrädern letztlich nicht sinnvoll. Und ich denke, das gilt auch für viele deutsche Bundesstraßen. In Istrien hatte ich dagegen schon den Eindruck, dass die zunehmende Respektlosigkeit dem schwächeren Verkehrsteilnehmer gegenüber auch ein wenig Mentalitätsfrage ist.

Mein genereller Eindruck ist aber: In Deutschland erfahre ich als Radfahrer weniger Rücksicht als in den fünf Ländern, durch die ich gefahren bin. Ob das daran liegt, dass ich in Deutschland nur ein „normaler“ Radfahrer bin und nicht offensichtlich als Reiseradler unterwegs oder einfach mit dem durch die hohe Verkehrsdichte bedingten Aggregationspotenzial zu tun hat, mögen Verkehrspsychologen analysieren.

Was hat genervt?

Dauerbeschallung: Offenbar gibt es kein Café, keine Bar mehr, in der die Gäste nicht mit Musik überschüttet werden. Drinnen wie draußen. Da Geschmäcker nun mal sehr unterschiedlich sind, trifft es meinen nur selten. Die Krönung ist es, wenn drei Bars nah beieinander liegen und man drei verschiedene Stilistiken gleichzeitig aufgezwungen bekommt. Leute: ich will noch nicht einmal immer Musik hören! Ich hab den Kopf auch ganz gerne mal frei zum Denken. Müssen denn immer alle Sinne gleichzeitig geflutet werden? Ruhe ist doch nichts Schlimmes! Sie führt allerdings dazu, sich auch mal mit sich selbst zu beschäftigen. Aber vielleicht liegt ja gerade darin die Überforderung.

Microsoft: Um den Blog zu aktualisieren, brauche ich meinen kleinen (Windows-) Rechner und einen Internet-Zugang. Wenn ich letzteren mal nicht hatte, habe ich mein Smartphone als Hotspot genutzt. Schließlich habe ich ja 2 GB Datenvolumen pro Monat. Trotzdem war das irgendwann weg. Auch nicht schlimm, ich kann ja für überschaubares Geld einmalig weitere 500 MB frei schalten lassen. Gedacht, getan. Und während ich noch den Blog aktualisiere, sind die 500 MB auch schon wieder verbraucht, weil Microsoft meint, mir ungefragt ein Update aufspielen zu müssen! Wo bitteschön ist die Einstellung, mit der ich festlegen kann, dass ich vorübergehend keine Aktualisierungen will? Kann man mich nicht wenigstens fragen, ob’s mir gerade passt oder nicht?

Daten und Fakten
Die Route

Hier eine Übersicht über die gesamte Route:

[sgpx gpx=“/is/htdocs/wp13020639_ENHI41MCAF/www/wp13020639_wpr384l/wp-cb9ea-content/uploads/gpx/Ev9_gl.gpx“]

Die obige Darstellung ist stark geglättet. Wer in die Karte hineinzoomt, wird merken, dass der Track sehr generalisiert ist und damit häufig Kurven abschneidet oder neben den Wegen verläuft. Die exakte Darstellung der Tracks, so wie sie mein Navi gespeichert hat, wäre aber viel zu groß und damit mit meinen Bearbeitungs-Tools nicht mehr handhabbar gewesen. Selbst wenn, wären die Wartezeiten beim Laden der Karte selbst bei schnellem Internet vermutlich unzumutbar. Zum Vergleich unten noch die Daten, die das Navi aufgezeichnet hat. Dabei finde ich die etwas höhere Gesamtstrecke absolut plausibel, die Verdoppelung des Gesamtanstiegs dagegen nicht. Natürlich unterschlägt das digitale Kartenbild, auf dem die obigen Angaben beruhen, manche Unebenheit im Gelände, die Glättung wahrscheinlich ebenso, aber daraus eine Halbierung des tatsächlichen Höhenunterschiedes abzuleiten, erscheint mir schon gewagt. Ich vermute vielmehr, dass die Aufzeichnung des Navis auf Grund der GPS-basierten Höhenmessung hier einige Ungenauigkeiten mit sich bringt, so dass der errechnete Höhenunterschied oben dem tatsächlich gefahrenen wahrscheinlich deutlich näher kommt als der aufgezeichnete unten. 

volle Distanz 2.391 km
Maximale Höhe 963 m
Minimale Höhe 1 m
Gesamtanstieg 22.520 m
Gesamtabstieg 22.500 m
Maximale Geschwindigkeit 63,2 km/h

weitere Statistiken

Für den, den’s interessiert hier noch ein paar Informationen:

Pannen: keine! – Weder Speichenbrüche noch auch nur einen einzigen Platten. Ich habe zwischendurch lediglich kleinere Wartungsarbeiten durchgeführt, wie Kette säubern und schmieren oder Bremsbeläge wechseln. Da die Wegequalitäten meinem Rad einiges abforderten, ist mein Respekt vor dem fast 10 Jahre alten VSF Fahrradmanufaktur T50 nochmals gestiegen. Zusammen mit den 5 cm breiten Schwalbe Marathon Reifen ist das schon eine enorm robuste Kombination!

Übernachtungen:

Art der Übernachtung Anzahl
Motel / Hotel / Pension 11
Ferienwohnung 2
Campingplatz 17
"wild" zelten 3
warmshowers 4
privat 3

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4 Comments
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Ines
Ines
1 Jahr zuvor

Hello Thomas, thanks for the detailed description, that’s the only detailed Eurovelo 9 blog I found! Together with my boyfriend we’ll start the trip in 3 days and we are thinking about not taking with us all the camping equipment and sleep in basic hostels since I have not seen so many campsites on the route and that will safe us weight and therefore energy! It’s our first long bike trip and we are not specially fit so we don’t want to carry unnecessary weight. What’s your advise on that? I see that you have spent many nights camping, was… Weiterlesen »

Olaf
Olaf
3 Jahre zuvor

Wow- keine Panne!

Viktor
4 Jahre zuvor

Danke für die informative Zusammenfassung (ich wollte das Modewort „Review“ vermeiden) 🙂 Endlich ist auch die Frage beantwortet, die mich schon seit Wochen beschäftigt: Warum schriebst Du nie etwas von Reifen flicken…? Dass du tatsächlich auf der ganzen Route – über Schotter, Sand und was weiß ich nicht noch – keinen einzigen Platten hattest, konnte ich mir gar nicht vorstellen… Zum Thema „Alleine reisen“ habe ich mir natürlich in den vergangenen 15 Jahren auch schon zahlreiche Gedanken gemacht und du hast es sehr schön in wenigen Worten komprimiert. Zwei Artikel zu diesem oft kontrovers diskutiertem Thema findest Du auch hier:… Weiterlesen »