Zu heiß, zu nass, zu stürmig

– durch Posets und Maladeta –

Jetzt habt ihre lange nichts mehr von mir gehört, aber das liegt natürlich daran, dass die Gegenden, durch die ich laufe, oft so abgelegen sind, dass es selten überhaupt einen Netzzugang gibt, geschweige denn, ein zuverlässiges WiFi. Ich werde die letzten Tage jetzt, da ich mal einen Ruhetag eingelegt habe, in zwei Beiträge aufteilen. Hier also der erste:

Dienstag, 5. Juli

Nachdem ich in Parzan meine Lebensmittelvorräte aufgefüllt habe, stehen mir 11 öde Kilometer auf einer Schotterstraße bevor, die 1.100 Meter höher den Passo de los Caballos erreicht. Dabei verschwitze ich 3 Liter Wasser. Das entspricht einem Verbrauch von 27 Litern auf 100 km! Damit bekomme ich bestimmt keinen Öko-Award. Tom Martens, der Autor des HRP-Führers hat nicht umsonst geraten, diesen Abschnitt möglichst früh am Tag zu gehen. Aber was will man machen, wenn man noch einkaufen muss?!

Schotterstraße

Am Pass mache ich eine lange Mittagspause (Dank an den Supermarkt für knuspriges Brot und leckeren Käse). Auch ein Nickerchen in der Sonne (bei kühlenden Wind) ist angesagt.

Rast am Passo de los Caballos

Der Abstieg ins Vallee de Gistain ist übrigens auch nicht viel besser als der Aufstieg. Lediglich die Botanik und der Ausblick auf den zweithöchsten Berg der Pyrenäen, den Pico de Posets, bieten Abwechslung. Aber dafür verwöhnt mich der kleine Campingplatz, auf dem ich heute bleibe, mit einer Dusche und einem Bier (oder zwei).

Pico de Posets

Die Begegnungen des heutigen Tages: Ein Mann, der mich gebeugt und mit schwerem Gepäck und dennoch zügig (und grußlos) passierte, derweil ich im Schatten saß und eine Aprikose verspeiste (nochmals Dank an den Supermarkt). Der hatte mich offenbar gar nicht bemerkt. Außerdem ein Spanier, der mir im GR11-Trikot entgegen kam und mit dem ich mich kurz über diese beschissene Wegstrecke unterhalten habe. Ach ja, und ein Franzose, der morgen nach Parzan rüber will und behauptet, dass es morgen den ganzen Tag regnet – die Campingwirtin meinte dagegen, das es nur ein bisschen regnen solle.

Schaunmermal.

Mittwoch, 6. Juli

Um 5 Uhr morgens rollt ein kräftiger Donner mehrfach von der einen Talseite zur anderen und Regen setzt ein. Mein erster in diesem Zelt. Scheint ihm nichts auszumachen. Nur muss ich mal – schlechtes Timing!

Um 6 regnet es nicht mehr. Na also! Weil es aber nicht wirklich gemütlich ist, lege ich mich nochmal hin. Um 7 stehe ich dann doch auf. Regenschauer. Frühstück machen. Regenschauer. Ein bisschen blauer Himmel. Das bisschen Geschirr spülen. Regenschauer. Rucksack packen. Donner. Heftiger Regenschauer. Rucksack umpacken. – Hm, das nennt man wohl Prokrastination. Will ich bei dem Wetter überhaupt losgehen? Obwohl: so schlimm sieht es eigentlich gar nicht aus. Immerhin sind die Berge immer wieder mal frei. Also: den nächsten Regenschauer abwarten, Zelt abbauen und los. Mittlerweile ist es 9:00.

Kurz nach dem losgehen schon wieder Pause am Refugio Viados. Es regnet. Ein paar Leute warten darauf, vom Taxi abgeholt zu werden.

Warten aufs Taxi

Ich trinke einen kleinen Kaffee, stark und süß. Dann geht’s wieder weiter. Auch mit dem Regen. Schließlich hört er auf, dafür gibt’s starken Gegenwind. Hinter mir ist es grau, vor mir blau. Das lässt hoffen. Die Hoffnung trügt allerdings. Irgenwann grummelt es rechts von mir und wie ich aufgucke, ist das Blau zum Chamäleon geworden und jetzt wieder grau.

Das Wetter wird immer heftiger. Mittlerweile steht mir das Wasser in den Schuhen. Sind zwar eigentlich GoreTex-Schuhe, aber was nützt die Membran, wenn sich die hochgezogene Sohlenkante von der Schuhspitze löst und dem Regen die Tür öffnet? Auch die Hände sind mittlerweile so kalt, das ich sie nicht mehr spüre. Ich würde gerne eine Pause machen, etwas essen und mich aufwärmen. Aber bei dem Wetter stehen bleiben, um den Rucksack zu öffnen, sodass alles, was jetzt noch trocken ist, auch noch nass wird? Nein, kommt nicht in Frage. Jetzt einfach weitergehen. Es gibt keine Alternative.

Manchmal sieht es besser aus als es schon fünf Minuten später wieder ist.

Gruß- und rastlos überquere ich den Pass und mache mich drüben direkt wieder an den Abstieg zum Refugio d’Estos, wo bei meiner Ankunft gerade die Sonne hervorkommt. Perfekt! Ich hänge alles Nasse auf und nach einer guten Stunde ist fast alles wieder trocken. So entscheide ich, doch noch bis ins Valle Benasque abzusteigen, wo ich wieder auf einem kleinen Campingplatz übernachte.

Auch die anderen Hüttengäste versuchen zu trocknen, was irgend geht
Und noch mehr Wasser – so gefällt es mir aber deutlich besser!

Alles in allem war das so ein Tag nach dem Motto “Warum tue ich mir das überhaupt an?” Aber spätestens beim nächsten Sonnenschein mit Fernsicht weiß ich wieder warum.

Donnerstag, 7. Juli

Die nächsten Tage sollen sonnig und warm werden, aber immer unter 30 Grad bleiben. Na, das ist doch motivierend!

Dass ich erst einmal wieder kilometerweit Schotterstraße laufen muss, dagegen weniger. Ist das irgendwie Standard auf dem GR11? Dann allerdings entschädigt ein wunderschöner kleiner See einen Kilometer vor Ende der Straße.

Und jetzt muss ich mich entscheiden: Folge ich weiter dem GR11 oder unternehme ich einen Abstecher Richtung Pico d’Aneto, dem mit 3.404 m höchsten Gipfel der Pyrenäen? Der liegt jetzt links von mir, nur halt viel höher, sodass ich ihn von hier aus noch nicht einmal sehen kann. Wenn ich direkt weitergehe, hätte das auch den Nachteil, dass ich genau am Wochenende im Äiguestortes-Nationalpark wäre, wo absolutes Zeltverbot gilt. Spontan einen Platz in einer Hütte zu bekommen, dürfte unter der Woche allerdings leichter sein. Also links hoch!

Der Weg ist heftig. Sehr steil und nur selten ein Weg. Dafür bekomme ich ein landschaftliches Highlight nach dem anderen geboten: Wasserfälle, Seen und endlich am Ibones de Coronas, meinem heutigen Ziel, angekommen, einen Blick auf den Aneto. Es juckt mich sehr, morgen da hinauf zu steigen, allerdings raten mir zwei Einheimische ab: nur mit Pickel und Steigeisen (die ich nicht mit habe)! Und da es diese Nacht zumindest am Gipfel frieren soll, glaube ich das auch. Also gut, dann wird dieser See mein Highlight. Ich stehe ja nicht mehr im Testosteron-Wettbewerb. Ich mache das hier ja schließlich für mich (auch wenn ich Euch daran teilhaben lasse) und nicht um irgendwem irgend etwas zu beweisen. Erscheint mir ein Risiko zu groß, lasse ich es eben. Und genau das ist hier der Fall.

Es gibt übrigens heftige Fallwinde vom Aneto herunter, sodass der Zeltaufbau zur Herausforderung wird. Zum Glück bin ich hier nicht der erste mit Zelt. Und wohl auch nicht mit der Problematik. Jedenfalls stehen hier schon einige Windschutzmauern, die natürlich nicht zelthoch sind, aber besser als nichts. Außerdem kann ich die noch ein bisschen verbessern – bis Sonnenuntergang ist ja noch mehr als genug Zeit!

Hier ein paar Fotos, die zeigen, dass sich der Aufstieg trotzdem gelohnt hat:

Am Abend kommt wieder Wind auf, mehr noch, Sturm. Zuerst ist es nur ein leises Zischen und Rascheln am Zelt, dann ein Rauschen und schließlich ein knallendes Schütteln, wenn eine plötzliche Windböe das Zelt ergreift. Auf der einen Seite werden die Zeltwände  eingedrückt, auf der anderen aufgebläht. Es rüttelt und lärmt am ganzen Zelt. An Schlaf ist nicht zu denken.

2 Replies to “Zu heiß, zu nass, zu stürmig”

  1. Nach Vergleich mit anderen Bildern würde ich sagen, das ist gelber Enzian.

    Ich wünsche dir wieder oder weiterhin gutes Wetter!
    LG, Andreas

  2. Spannend, diese abwechslungsreichen Tage! Aber schon alleine für ein Foto wie das “Am Abend ist der Aneto in Wolken” lohnt es sich, einiges in Kauf zu nehmen. Weiterhin viel Erfolg und weniger Regen wünsche ich Dir.
    LG, Viktor

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