TransLagorai – Tag 6 und Finale

Dienstag, 12.8.2025

Kurz nach dem Hellwerden stehe ich auf. Um 7 Uhr verlasse ich das „Basislager“. Ich habe vor, über das Bivacco Aldo Moro (fünf Stunden) hinauszulaufen bis zum nächsten See. Denn erstens will ich nicht noch einmal mit der Jugendgruppe gemeinsam campieren (falls sie auch in die Richtung laufen) und zweitens ist es mir bis zum Rollepass (achteinhalb Stunden) dann wohl doch zu weit.

An der Quota auf 2.600m Höhe komme ich in die Sonne. Ich hole das nasse Zelt aus dem Rucksack und breite es zum Trocknen aus. Da kommt erst Lisa und dann Ivan und Elia vorbei. Lisa hat langes, schwarz-weißes Fell und vier Pfoten. Sie ist direkt ganz zutraulich, wirft sich auf den Rücken und lässt sich umgehend den Bauch kraulen. Als ich die beiden Männer frage, wie denn die Tour mit Hund so läuft, schauen die mich ganz verwundert an.

„Ist das nicht Deiner?“ Äh, nein. Nanu? Sonst ist niemand Menschliches in der Nähe – da kann doch was nicht stimmen! Lisa trägt eine Plakette, auf der neben ihrem Namen auch eine Telefonnummer eingraviert ist. Elia ruft die Nummer an und hat eine überglückliche Mailänderin am Handy, die ihren Hund am Freitag an der Forcella di Cece, etwa 1,5 km von hier, aus den Augen verloren hat. Am Freitag! Das ist vier Nächte her! Elia vereinbart mit der Frau, Lisa Richtung Rollepass mitzunehmen. Von dort aus wird ihnen jemand – vermutlich ihr Mann – entgegen kommen, um den Hund zu übernehmen. Nur: bis zum Rollepass sind es noch sieben Stunden! Nachdem wir Lisa erst einmal mit Wasser und Brot versorgt haben (wer hat schon Hundefutter im Rucksack?), laufen die drei los.

Ivan, Lisa, Elia (v.l.n.r.)

Um zehn nach Neun gehe auch ich weiter – alles ist trocken.

Nach wenigen Minuten biegt der Weg von Norden nach Osten um und offeriert, wie immer wieder in den vergangenen Tagen, eine fantastische Aussicht auf das ganze Dolomiten-Panorama: Latemar, Rosengarten, Langkofel, Sella, Marmolada – alles da! Irgendwo da hinten ist auch noch die Civetta zu sehen und dann natürlich die Pala.

Pala voraus!

Nach einiger Zeit überhole ich Elia, Ivan und Lisa. Das hier ist eigentlich überhaupt kein Hunde-Gelände! Viele Blockfelder und schließlich sogar ein kurzer Klettersteig, glatte Wand, Drahtseilversicherung und Metallkrampen. Die zwei erzählen, dass sie Lisa tragen mussten. Die Arme hat mittlerweile blutige Pfoten. Ich laufe vor zum Bivacco Aldo Moro, wo ich mir ein Mittagessen kochen will. Im Bivacco gibt es eine Schüssel, die ich mit Wasser fülle – gut, dass ich heute extra mehr mitgenommen habe! Als Lisa erschöpft hier ankommt, stürzt sie sich begierig darauf und lässt sich auch noch mal nachfüllen. Danach rollt sie sich zusammen und schläft. Als sie zum Weitergehen wieder aufstehen soll, knicken ihr erst einmal die Läufe weg. Vier Nächte draußen und dann dieses Gelände haben sie klar überfordert!

Bivacco Aldo Moro
Pause am Bivacco

Weiter geht es durch eine Mondlandschaft aus Gletscherschliffplatten und Blockfeldern. Blöd: Ich habe mir eine Blase gelaufen. Zum ersten Mal seit Jahren! Und das am linken kleinen Zeh. Und natürlich geht der Weg permanent am nach links abfallenden Hang entlang, sodass die Blase weiter belastet wird. Naja, ist der letzte Tag, wird schon gehen.

Überraschung: Eissee im August!

Um Viertel nach Zwei höre ich einen Donner!? Über der Pala ist es grau.

Ich erreiche eine Scharte und dahinter tut sich die nächste Mondlandschaft auf. Dann kommt ein Joch und noch eine Mondlandschaft. Und immer neigt sich das Gelände nach links. Langsam reicht es mir. Und auch Lisa muss hier noch überall durch.

Elia und Ivan mit Lisa

Kurz vor der Forcella Ceremana kommt mir Lisas Besitzer entgegen, den Rucksack gefüllt mit Hundefutter, Wasser und Leckerli und total happy, dass sein Hund gefunden wurde. Er war gestern noch an der Forcella di Cece und hat nach Lisa gerufen. Ich erzähle ihm, dass die drei eine halbe Stunde hinter mir sind. Ich hoffe nur, dass sie es dann auch noch bis zum Rollepass schaffen und wieder gut nach Hause kommen. Aber Hunde sind ja zäh!

Rollepass

Von Süden weht jetzt ein kalter Wind und Wolken ziehen heran. Aber vor mir leuchtet die Pala, zwar leicht umwölkt, aber immer wieder auch in der Sonne.

Lago di Colbricon

Der Abstieg nervt. Ein Weg wie ein ausgewaschenes Bachbett. Dazu schmerzt mein kleiner Zeh. Aber schließlich bin ich erst am Lago di Colbricon und nach einem Radler zu Touristenpreisen auch am Rollepass. Der letzte Tag hat sich alle Mühe gegeben, den tollen Eindruck der TransLagorai etwas einzutrüben. Oder liegt’s nur an meiner blöden Blase?

Diese sechs Tage haben aber definitiv einen bleibenden Eindruck hinterlassen mit ihrer relativen Einsamkeit (es ist immerhin Hauptsaison und die Jugendgruppe dürfte eine Ausnahme sein – ob die eigentlich wirklich noch bis zum Rollepass gelaufen sind?), ihren tollen Höhenwegen und fantastischen Blicken in die nahen Dolomiten.

Am Ziel!

Nachtrag

Ich bin dann ja doch bis zum Rollepass durchgelaufen, weil die Möglichkeit einer Dusche mehr Reiz ausübte als eine weitere Zeltnacht. Dort gab’s aber kein Zimmer mehr für einen müden Wanderer, sodass ich spontan in den nächsten Bus gesprungen bin. Der brachte mich nach Predazzo, da konnte ich immerhin mein Zelt auf einem Campingplatz aufstellen und die Dusche gab es natürlich auch da!

Aufkommende Gewitter!

Am Abend gehen in den Bergen kräftige Gewitter nieder.

Time:
12.8.2025, 07:02:
Duration:
10:54:16
Ascent/Descent:
1222 m 1439 m
Distance:
17.20 km
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Viktor
3 Monate zuvor

Ein emotionaler Finaltag! Da hat die Lisa ja wirklich Glück gehabt, euch zu treffen. Kann ich dir glauben, dass du diese Tour so schnell nicht vergessen wirst. Und die phantastischen Ausblicke hoffentlich auch nie.

Christa Reppel
Christa Reppel
3 Monate zuvor

Zwei Dinge haben mich an deinem letzten Beitrag besonders tief beeindruckt:
1.Deine körperliche und mentale Leistung in diesem äußert schwierigen Gelände, bei Hitze und mit schwerem Rucksack!
2. Die Zuwendung und Fürsorge für Lisa – von euch Dreien, das hat mich tief beeindruckt,und alles in kompliziertem Gelände! –
Die Fotos deiner ganzen Tour sind sagenhaft schön,immer diese Fernblicke und Panoramen von Gebirgszügen ,in denen ich oft gewandert bin, das weckte frohe Erinnerungen.
Danke,Thomas!!!

Birgit Rüge
Birgit Rüge
3 Monate zuvor

Ich habe immer wieder Hochachtung vor deinen Touren.