TransLagorai – Tag 4

Sonntag, 10.8.2025

Noch bevor die Sonne mein Zelt erreicht, kommt ein leichter Wind auf, der von den bereits angewärmten Gipfeln ins noch kühle Tal zieht. Auch heute verwöhnt wieder ein tiefblauer Himmel meine Augen.

Da es nach Karte vorerst durch alpines, zeltunfreundliches Gelände zu gehen scheint, habe ich vor, heute bis zum Rifugio Cauriol durchzulaufen. Ich packe den Kocher nach oben, sodass ich mir heute Mittag eine Mahlzeit kochen kann. Auf halber Strecke gibt es außerdem einen kleinen See, den ich nutzen werde, weil die Wasserversorgung zwischendurch unsicher erscheint.

Da ich mir heute ein gutes Stück Weg vorgenommen habe, beschließe ich, eine Abkürzung zu laufen. Die Karte zeigt einen direkten Weg zur Forcella della Busa, die mir zwei Kilometer gegenüber der Umrundung der Cima delle Buse erspart. Wie sich herausstellt, ist der Weg allerdings nicht mehr gepflegt, auch nicht markiert oder ausgeschildert. Aber er ist noch zu finden und so einsam, das ein ganzes Rudel Murmeltiere plötzlich laut pfeifend vor mir den Hang hinunter prescht. Die haben wohl schon lange keinen Menschen mehr gesehen.

An der Forcella della Busa und auch sonst finde ich immer wieder Hinterlassenschaften des 1. Weltkriegs. Im Lagorai, der als Nebenkriegsschauplatz der italienischen Front gilt, fanden insbesondere 1916 heftige Stellungskämpfe statt.

Von der Forcella di Lagorai sind es noch sechs Stunden bis zum Rifugio Cauriol. Die Zeiten haben bisher immer ganz gut gepasst. Reine Gehzeit natürlich. Dazu kommen noch meine Pausen. Es ist jetzt Viertel nach elf. Wenn ich nicht vorher schlapp mache, sollte ich zwischen sechs und sieben dort sein.

An dem See, der so klein ist, dass die Karte noch nicht einmal seinen Namen preisgibt, filtere ich genügend Wasser, um meine Flaschen wieder aufzufüllen. Außerdem koche ich mir ein Mittagessen. Es gibt „Cashew mit Nasi“ (natürlich aus der Tüte). Braucht zwar auch etwas Zeit, aber ich brauche für die Strecke, die noch vor mir liegt, auch genug Kalorien!

Mittagspause!

Dann laufe ich auf alten Militärwegen, teils breit geplattet, teils über steile Treppen. An manchen Stellen sind sie durch zusätzliche Eisenklammern und Drahtseile ergänzt, die es damals so bestimmt noch nicht gab.

Stellenweise versichert

Es kommen ein paar Wolken auf; sieht aber nach Schönwetterwolken aus. Und wenn sie die Sonne verdecken, sind die Temperaturen gleich angenehmer.

Das Panorama ist mittlerweile überwältigend. Der ganze Kranz der „blassen Berge“, wie die Dolomiten auch genannt werden, von der Brenta bis zum Sass Maor, steht im Dunst vor mir. Wenn jetzt noch wirklich klare Sicht wäre …

Die Sella im Tele

An der Forcella Litegosa gibt es wieder eine Zeitangabe zum Rifugio Cauriol: noch 2:40 std. Das sieht doch gut aus! Ich mache eine kurze Pause und gehe um Viertel nach drei weiter.

Schon toll, wie sich der Weg mitunter schmal unter senkrechten Plattenschüssen entlangzieht, unterhalb steile, beinahe senkrecht anmutende Wiesen. Wenn nur die steilen Aufstiege nicht wären! In der immer noch brütenden Sonne ist das extrem schweißtreibend.

Was für ein Weg!

Schließlich habe ich offenbar den Punkt erreicht, von dem es nur noch bergab geht. Noch einige Kilometer und 600 Höhenmeter bis zur Hütte.

Am nächsten Wegweiser sind es noch 1:15 std bis zum Rifugio. Der Bergweg scheint vorbei zu sein, das sieht jetzt nach bequemeren Wanderwegen aus, auf denen ich mich nicht mehr so konzentrieren muss. Nach kurzer Pause gehe ich um 16:50 die letzte Etappe an.

Ganz stimmt das mit der Konzentration dann doch nicht. Offenbar ist der ursprüngliche Weg, der auch in meiner Karte verzeichnet ist, gesperrt. Jetzt gibt es einen neuen durch ein großes Blockfeld, immerhin flacher als die bisherigen.

Schon bevor ich die Hütte gegen sechs erreiche, höre ich laute Musik. Dann sehe ich viele Leute, Pavillons, Biertischgarnituren. Eigentlich hatte ich mich auf eine ruhige Berghütte eingerichtet. Aber dafür liegt die mit ihren 1.600 Metern wohl zu tief. Ob ich da überhaupt einen Schlafplatz kriege?

Halligalli am Rif. Cauriol

Aber ich habe Glück: trotz des Trubels bekomme ich ein bequemes Bett im Lager, eine Dusche, ein Radler und etwas zu Essen. Das tut gut! Der heutige Tag war grenzwertig. Länger hätte er nicht sein dürfen, anstrengender auch nicht, aber letztlich gab es keine Alternative. Nur wenig Wasser unterwegs und keine Zeltmöglichkeit. Aber ohne die Mittagspause mit Essen kochen und Wasser auffüllen hätte das nicht funktioniert. Da haben wohl auch die Temperaturen ihren Tribut gefordert. Heute habe ich über fünf Liter Flüssigkeit verschwitzt!

Ach ja: bis elf Uhr abends lief draußen noch Karaoke. Das Fenster im Lager war – den Temperaturen geschuldet – natürlich die ganze Nacht auf!

Time:
10.8.2025, 08:30:
Duration:
09:31:03
Ascent/Descent:
1041 m 1640 m
Distance:
17.89 km

4 Antworten auf „TransLagorai – Tag 4“

  1. Du hast es selber gesagt: „Was für ein Weg!“
    Dem ist nichts hinzuzufügen.
    Oder doch: Für eine Wanderung ohne Begleiter schon grenzwertig. Gut, dass dir nichts passiert ist. Aber du bist schließlich kein Anfänger 😉

    1. Ich mag solche Wege! Klar musst Du schwindelfrei sein und darfst nicht daneben treten. Wäre ich nicht schwindelfrei und trittsicher, würde ich solche Wege nicht gehen. Aber auch Auto fahren sollte man immer mit der entsprechenden Konzentration. Und da ist mir diese Umgebung viel lieber!

  2. Meine Güte, war das ein Tag! Ich bin schon total erschöpft vom Lesen,weil ich mich dabei natürlich mit dir,Wanderer, identifiziere. ,“grenzwertig“ ist ja noch harmlos alsKennzeichnung, denn es war m.E. eher gewaltiger Stress,besonders auch wegen des Zeitdrucks. Und zu aller Plackerei auch noch ein Blockfeld….das hätte nicht sein dürfen, und ich fühle- durch meine Erfahrungen damit – die Härte dieses Schlussakkords eines SUPER-Tags im Gebirge. Bravissimo, Thomas!

    1. Blockfelder sind eigentlich nicht das Ding. Die haben mir schon als Kind Spaß gemacht und dementsprechend sicher laufe ich darüber. Die zehrenden Faktoren an diesem Tag waren die Hitze (und kaum irgendwo mal Schatten) und die Länge der Etappe.

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