Abstieg und Epilog

Mittwoch, 5. Oktober

Auch an diesem Morgen ist es draußen wieder kälter als im Schlafsack – klar! Aber das Tageslicht und die aufgehende Sonne ziehen uns nach draußen. Von der Terrasse des Rifugio Pradidali schauen wir auf einen Wolkenteppich, der das Tal bedeckt. Der Sass Maor erglüht bereits rot und kontrastiert wunderbar mit den bunten, noch im Schatten liegenden tibetischen Gebetsfahnen, die vor der Hütte aufgespannt sind.

Talblick vom Rifugio Pradidali
Sass Maor im ersten Morgenlicht

Nach einem Frühstück, das so ausgiebig ist, wie es die Umstände ermöglichen – immerhin verbrauchen wir unsere kompletten Müsli-Restbestände – steigen wir noch einmal zum Passo di Ball auf und klettersteigen das Val di Roda hinab zu der alten Militärstraße, die 1917 als Teil einer Verteidigungslinie gegen die österreichischen Truppen über 17 km über die Pala hinweg gebaut wurde.

Langsam, aber stetig verlieren wir so an Höhe und nähern uns San Martino di Castrozza. Vier Busfahrten und eine Zugfahrt bringen uns wieder zu unserem Auto an der Plose-Seilbahn und das zu einem Dorfgasthof nach Gossensass kurz vor dem Brenner, wo wir übernachten.

Donnerstag, 6. Oktober

Der Älpelekopf war einer der Lieblingsorte von Herbert, Leos im Jahr 2006 verstorbenen Vaters. 1984, im Alter von 70 Jahren, hat er hier ein Gipfelkreuz errichtet und alles benötigte Material eigenhändig hinauf getragen. Leo wiederum hat 2008 Herberts Bergschuhe, seinen Rucksack, Seil und Wanderstock dort deponiert, zusammen mit einem Gipfelbuch und einer laminierten Erklärung, warum dies alles dort zu finden ist. Diesen Ort hatte er mir schon lange zeigen wollen.

Nach der Fahrt von Gossensass nach Schwangau – inkl. Stau in Reutte, wo gerade die Umgehung gesperrt ist – parken wir auf einem der Parkplätze an den Schwangauer Königsschlössern. Für eine Pauschale von € 10. Tourigegend halt! Hier kann man’s nehmen. Auf dem Parkplatz stehen auch schon einige 100 € an Parkgebühren beisammen. Vielleicht ist es auch schon vierstellig. Egal, et iss, wie et iss! (Da war er ja mal wieder, der Rheinländer 😊)

Schon kurz darauf steigen wir durch einen gelb und rot leuchtenden Herbstwald steil empor. Ein kurzer Abstecher zur Marienbrücke vermittelt uns neben dem klassischen Neuschwansteinblick auch haufenweise Touristen mit noch mehr Selfie-Wünschen.

Bald lassen wir die Touristenschwärme hinter uns und gehen zunächst einen eher langweiligen Forstweg hinauf. Dann biegen wir ab auf einen glitschigen Bergpfad, der über verschlammte Wurzeln und nassen Kalk empor führt. In einer Kehre entdeckt Leo plötzlich ein paar Steinböcke, die uns neugierig und überhaupt nicht scheu beobachten. Offenbar werden sie hier nicht bejagt. Sie lassen mir alle Zeit der Welt, das Tele auszupacken und ein paar schöne Porträts von ihnen zu schießen.

Überhaupt nicht scheu, diese Steinböcke!

Schließlich biegen wir vom Hauptweg ab und gelangen weglos oder über Wildwechsel zum Älpelekopf. Leo stellt mit Freude fest, dass Herberts Gipfelkreuz von 1984 weiterhin alle Jahreszeiten und Gewitter überdauert hat. Es ist berührend zu sehen, wie Herberts Werk über sein Leben hinaus Bestand hat und dem, der ihn kannte, eine besondere Form des Gedenkens ermöglicht.

Wie immer, wenn er hier oben ist, schaut Leo nach neuen Einträgen im Gipfelbuch. Normalerweise sind es zehn bis fünfzehn pro Jahr, 2021 waren es vierzig! Wohl auch ein Corona-Effekt. Anschließend genießen wir diesen Ort der Stille, einen kleinen, einsamen Gipfel mit herrlichem Talblick, nur aus der Luft besucht von Dohlen, Gleitschirm- und Segelfliegern. Alles in allem ein würdiger Abschluss unserer diesjährigen Tour!

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