Gavarnie und Schluss

Mi/Do, 22./23.9.

Gavarnie ist kein schöner Ort, vielmehr ein Mix aus wenigen stilvollen (älteren) Gebäuden und vielen unschönen Zweckbauten, die offenbar nur dem Zweck dienen, den Touristen das Geld aus dem Portemonnaie zu locken. Gäbe es den vom Ort aus bereits sichtbaren “Cirque de Gavarnie” nicht, einen grandiosen Talkessel mit seiner 422 Meter hohen “Grande Cascade”, einem der höchsten Wasserfälle Europas, Gavarnie wäre zur Bedeutungslosigkeit verdammt.

In diesen Talkessel, näher an die Grande Cascade laufe ich natürlich auch an diesem Tag, an dem ich ansonsten meine Rückreise organisiere. Ich habe mich entschieden, die Tour hier zu beenden. Zwar bin ich so nur rund 260 km und 18.000 Höhenmeter gelaufen statt der geplanten 750 / 50.000, aber irgendwie reicht’s mir. Sicher, es waren tolle Erlebnisse dabei: die Geier, majestätisch schwebend oder gemeinsam um Aas rangelnd, der Pic d’Orhy als erster richtiger Gipfel der Tour, der 3.000er der Grand Fache, leicht vereist in wunderbarer Wolken-Gipfel-Stimmung, der Sonnenuntergang am Col de Teillure, die Morgenstimmung am Refuge d’Ayous. Aber es war auch zuviel Wechselbad der Gefühle zwischen Euphorie und Erschöpfung, Schwitzen und Frieren, Sonne und Regen und das alles ohne einen vertrauten Partner, was, wie ich hier merke, beim (Langstrecken-) Wandern wichtiger ist als auf Radtour. Mir jedenfalls. Das hat mich letztlich mehr zermürbt als ich selber wahrhaben wollte.

Neulich las ich einen netten T-Shirt-Spruch: “Ich bin zu alt für den Scheiss!”: Die Wahrheit dieses Spruchs habe ich beim Schlamm schippen an der Ahr bereits schmerzlich erkennen müssen. Aber trifft das jetzt auch auf solche Touren zu? Ich werde die Erlebnisse erst mal sacken lassen, bevor ich das abschließend bewerte. Aber vermutlich läuft es darauf hinaus, dass ich solche Touren künftig eher in Begleitung mache (s.o.) und vielleicht auch dem Komfortbedürfnis mehr Geltung verschaffe. Mal sehen.

Als ich am Nachmittag vor dem Hotel die Zeit bis zur Abfahrt meines Busses nach Lourdes absitze, dem nächsten Bahnhof, kommen zufällig Lisa und Sören vorbei, die den heutigen Tag für eine Wanderung zur Breche de Roland genutzt haben. Wie schön! Die zwei waren neben allen landschaftlichen Highlights definitiv meine menschliche Bereicherung auf dieser Tour! Wir verabschieden uns herzlich und ich würde mich freuen, wenn wir uns nicht zum letzten Mal gesehen hätten!

Das alles schreibe ich im Flixbus von Paris nach Bonn. Und jetzt freue ich mich erst einmal auf eine warne Dusche, eine Rasur und frische Klamotten!

7 Replies to “Gavarnie und Schluss”

  1. Lieber Thomas,

    vielen Dank für Deine wunderbaren Berichte und die tollen Fotos – schon deswegen hat sich Deine Tour auf jeden Fall gelohnt! Du fährst doch bereichert nach Hause – und hey, 260 km, da ging doch eine ganze Menge 👍 Deine Wanderung in der Natur und zu Dir selbst hat stattgefunden und ob sie nun 200 oder 700 km lang ist, spielt das wirklich die entscheidende Rolle, ging es darum überhaupt? Du musst Dir diesbezüglich nix mehr beweisen, finde ich – und klug, wie Du bist, hattest Du zum richtigen Zeitpunkt gemerkt, wann es reicht, hast Dich nicht unnötig strapaziert, bist ganz konsequent und umsichtig geblieben und hast gut auf Dich und Deine Grenzen aufgepasst, das find ich viel Entscheidender👍 Ein paar kleine Korrekturen für die nächste Tour sind beschlossen – dann kann es ja bald wieder losgehen, mit netter Gesellschaft und mehr B&B auf der Strecke – also ich freu mich auf Deinen nächsten Blog ☀️ Hab ein schönes Wochenende und bis bald, Claudia

    1. Vielen Dank auch für deinen Kommentar, liebe Claudia. Ich sehe das schon auch so, dass ich trotz der vorzeitigen Beendigung der Tour bereichert nach Hause komme. Ich hoffe eigentlich, dass das in dem Beitrag auch so rauskam. Oder klang das alles so depri, dass ihr mich jetzt trösten wollt (was ich dann auch total lieb fände)? Aber Nein, so ist es nicht. Ich denke, Du kennst mich als jemanden, der Fakten zur Kenntnis nimmt, Situationen analysiert und daraus Konsequenzen zieht. Und nichts anderes ist hier geschehen und hat mich bereits nach einen guten Drittel der Strecke wieder nach Hause geführt. Dass ein Plan 100%ig durchgezogen wird, gibt’s doch nur in der IT, oder? 😂
      Also von daher: alles gut. Und es wird bestimmt weitere Pläne und Aktivitäten und dann auch neue Berichte geben!
      Hoffentlich bis bald mal wieder in Hannover!

  2. Einerseits schade: uns entgehen dadurch vermutlich sehr schöne Landschaften; aber sicher richtig, es gut sein zu lassen wenn es nicht mehr gut ist.
    Das Bedürfnis nach Einsamkeit und die Fähigkeit dazu ist individuel wohl sehr verschieden. Meine Tochter sagte schon als Kleinkind: “I don’t want alone” (meine Frau sieht das ähnlich), während ich selbst wohl eher etwas “autistoid” bin und nur eine begrenzte Kapazität habe, nicht allein zu sein.
    Dass man irgendwan für manche Sachen zu alt ist, ist wohl einfach so. Ich bin jetzt 60 und muss das bestätigen. Dafür sieht man weiter, in manchen Dingen, und das entwickelt sich wohl noch. Auch du fährst jetzt ja um eine Erfahrung reicher nach Hause. Mit über 80 sagte meine Großmutter über meinen verstorbenen Großvater (worum es da genau ging, weiß ich nicht mehr): “kein Wunder, dass er das noch nicht sehen konnte, er war ja erst 70 Jahre alt” 🙂 Da kommt also noch was, wenn man älter wird, weisheitsmäßig (hoffe ich jedenfalls 🙂 ).
    Vielleicht sehen wir uns auf dem Weihnachtsmarkt? Ich vermute, dass der dieses Jahr wieder stattfinden wird. Ich werde wohl auch gelegentlich in Köln sein, wo ja meine Tochter noch lebt.

    1. Vielen Dank, Andreas für Deinen sehr persönlichen Kommentar. Ich hatte ja schon vor drei Jahren nach meiner Eurovelo9-Tour die Vor- und Nachteile des Alleinreisens diskutiert. An den Argumenten hat sich nichts geändert. Nur ist die Situation einer Radreise innerhalb Europas, also mehr oder weniger permanent in der Zivilisation, eine andere als bei einer Hochgebirgsdurchquerung, bei der alleine schon die Risiken (Wetter, Steinschlag, Absturz, Erschöpfung) gravierendere Konsequenzen haben können als diejenigen einer Radtour – mal abgesehen von der Gefahr, von einem Auto umgenietet zu werden. Bei einer solchen Wanderung werden die Gründe fürs Alleingehen damit leichtgewichtiger. Aber wer weiß, vielleicht setze ich die Tour auch nochmal fort. Ausschließen will ich das aktuell jedenfalls nicht!

  3. Ja, lieber Thomas, wie gut kann ich mich in deine Lage versetzen, da ich zufällig in einer ähnlichen bin, ich übertreibe nicht. Ich sitze allein im Nirgendwo in den Cevennen, und die Gruppe ist wieder anspruchsvoll unterwegs! Ohne mich. Die Internetausschreibung dieser Wanderreise hatte ganz anderes versprochen und die Wettervorhersage auch. Keine Wolke weit und breit. Affenhitze bei den scbotterigen Aufstiegen im Eiltempo…. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns in Kürze mal zusammensetzen könnten, um Erfahrungen auszutauschen zu “Wir sind zu alt für den Schiet. “(???) Ich glaube, dass dein Wunsch nach Natur und wilder Schönheit und Entdeckungen in der Einsamkeit der verzaubernden Natur ein ähnlicher wie meiner ist (lebenslang schon) . Aber wir scheinen beide an einer Grenze z angelangt zu sein (wenn auch auf unterschiedlichem Niveau) , die neu definiert werden muss. Hättest du Lust auf einen diesbezüglichen Austausch? Jedenfalls beneide ich dich, dass du heute Abend schon zu Hause bist und ich erst Samstag…Dein Blog war toll, mit bewundernswerter Energie hast du alles so beschrieben, als wäre der Leser dabei gewesen. Intensive Freude heute Abend und gemütliches Beisammensein in Bonn. Herzlichen Grüße von Christa

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